Jesus wandelt auf dem Wasser

„Und er sah, daß sie sich abplagten beim Rudern, denn der Wind stand ihnen entgegen. Um die vierte Nachtwache kam er zu ihnen und ging auf dem See und wollte an ihnen vorübergehen.“ (Mk 6,48)

Hans Bayer schreibt in seinem Kommentar zu diesem Vers:

„Warum vermittelt Jesus den Anschein, an ihnen vorbeigehen zu wollen, wenn er doch (schon seit geraumer Zeit?) ihre Not sieht? Nach V. 48a beabsichtigt Jesus zumindest, seinen Jüngern in ihrer Not entgegenzugehen. Die Formulierung „er will an ihnen vorbeigehen“ kann wohl nicht im Sinn von Lk 24,28 („er tat, als ob er weitergehen wollte“) verstanden werden. Vielmehr ist sie im Sinne einer alttestamentlichen Theophanie zu fassen (Ex 33,19 oder Ex 33,22): er erweckte den Anschein, an ihnen vorbeizugehen. Die markinische Formulierung besagt, dass Jesus seinen Jüngern so „erscheint“, wie Gott dem Mose. Dies wird durch die göttliche Beschwichtigungsaussage in V. 50 (nur Mut, ich bin es; hört auf, euch zu fürchten) bestärkt. Unabhängig davon, ob „ego eimi“ hierbei als christologische Hoheitsaussage (vgl. Ex 3,14) zu verstehen ist oder nicht, vermittel das Verhalten und Rede Jesu eindeutig göttlichen Hoheitsanspruch (vgl. Hiob 9,8).“

Hans F. Bayer, Das Evangelium des Markus, Historisch-Theologische Auslegung, Witten: R. Brockhaus, 2008, S. 264.

Psalm 118: Danket dem Herrn, denn er hat wunderbar eingegriffen

Danket dem HERRN; denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich.

2 Es sage nun Israel: Seine Güte währet ewiglich. 3 Es sage nun das Haus Aaron: Seine Güte währet ewiglich. 4 Es sagen nun, die den HERRN fürchten: Seine Güte währet ewiglich.

5 In der Angst rief ich den HERRN an; und der HERR erhörte mich und tröstete mich. 6 Der HERR ist mit mir, darum fürchte ich mich nicht; was können mir Menschen tun? 7 Der HERR ist mit mir, mir zu helfen; und ich werde herabsehen auf meine Feinde.

8 Es ist gut, auf den HERRN vertrauen und nicht sich verlassen auf Menschen. 9 Es ist gut, auf den HERRN vertrauen und nicht sich verlassen auf Fürsten.

10 Alle Heiden umgeben mich; aber im Namen des HERRN will ich sie abwehren. 11 Sie umgeben mich von allen Seiten; aber im Namen des HERRN will ich sie abwehren. 12 Sie umgeben mich wie Bienen, sie entbrennen wie ein Feuer in Dornen; aber im Namen des HERRN will ich sie abwehren.

13 Man stößt mich, daß ich fallen soll; aber der HERR hilft mir. 14 Der HERR ist meine Macht und mein Psalm und ist mein Heil.

15 Man singt mit Freuden vom Sieg in den Hütten der Gerechten: Die Rechte des HERRN behält den Sieg! 16 Die Rechte des HERRN ist erhöht; die Rechte des HERRN behält den Sieg! 17 Ich werde nicht sterben, sondern leben und des HERRN Werke verkündigen. 18 Der HERR züchtigt mich schwer; aber er gibt mich dem Tode nicht preis.

19 Tut mir auf die Tore der Gerechtigkeit, daß ich durch sie einziehe und dem HERRN danke. 20 Das ist das Tor des HERRN; die Gerechten werden dort einziehen. 21 Ich danke dir, daß du mich erhört hast und hast mir geholfen.

22 Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden. 23 Das ist vom HERRN geschehen und ist ein Wunder vor unsern Augen. 24 Dies ist der Tag, den der HERR macht; laßt uns freuen und fröhlich an ihm sein. 25 O HERR, hilf! O HERR, laß wohlgelingen! 26 Gelobt sei, der da kommt im Namen des HERRN! Wir segnen euch, die ihr vom Hause des HERRN seid. 27 Der HERR ist Gott, der uns erleuchtet. Schmückt das Fest mit Maien bis an die Hörner des Altars! 28 Du bist mein Gott, und ich danke dir; mein Gott, ich will dich preisen. 29 Danket dem HERRN; denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich.  (Psalm 118)

Ps 118 gehört zu den sogenannten Hallel-Psalmen (Lobpsalmen), genauer gesagt zum Ägyptischen Hallel. Diese Psalmen wurden zu den großen Festen gesungen und hatten besonders beim Passah ihren festen Platz. Ps 113 und 114 sang man vor dem Mahl, Ps 115-118 nach dem Mahl.

Der Psalm beginnt mit einem Aufruf zum gemeinsamen Dank: Israel (V. 2), die Priester (V. 3), ja alle, die den Herrn fürchten (V. 4) haben seine Freundlichkeit und Güte erlebt (V. 1) und darum Grund zum Dank.

In V. 5-21 finden wir das Zeugnis eines Einzelnen, der berichtet, wie der Herr ihn errettet hat. Er dankt dem Herrn, weil er ihn in seiner Angst gehört hat (V. 5). Er weiß darum, dass der Herr in allen Lebensumständen mit ihm ist. Darum braucht er sich nicht zu fürchten (V. 6) und dadurch bekommt er eine neue, positive Perspektive auf die Zukunft (V. 7). V. 8-9 betonen, wie gut es ist, sich so fest auf Gott und nicht andere Menschen zu verlassen. In V. 10-12 wirft der Beter einen Blick auf seine Feinde, die groß und gefährlich sind. Doch der Name des Herrn ist in jedem Fall stark und mächtig genug, um gegen sie zu bestehen. In V. 13 beschreibt der Beter erneut, wie sehr er die Hilfe Gottes brauchte und in V. 14 setzt er die von Gott persönlich erfahrene Hilfe in Beziehung zu Gottes machtvollem Eingreifen im Exodusgeschehen (vgl. die Bezugnahme zu 2Mose 15,2, dem Lobgesang Moses). Gottes Eingreifen ist auch jetzt Anlass zum gemeinsamen Lob (V. 15-16) und Grund gewiss in die eigene Zukunft zu blicken (V. 17-18). Voller Zuversicht will der Beter nun in die Gegenwart Gottes treten. Dazu muss er die Tore der Gerechtigkeit durchschreiten (V. 19), durch die nur die Gerechten eintreten dürfen (V. 20). Dem Beter wird Zutritt gewährt, da er sein Vertrauen auf Gott fest bekannt hat. Als Christen denken wir daran, dass wir stets Zugang zu Gott haben – nicht wegen unserer Gerechtigkeit – sondern wegen Christi Gerechtigkeit, der stets Gottes Willen vollkommen tut (vgl. Joh 4,34).

Im Rest des Psalms stimmt offenbar wieder die ganze Gemeinschaft in den Dank mit ein. V. 22-23 betont die wundersamen Wege Gottes: „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden.“ (V. 23). Gott hat das Elend des Beters wunderbar gewendet und dadurch seine Herrlichkeit demonstriert. Ganz genauso ist es bei Jesus gewesen: Er litt, wurde von den Menschen verworfen und gekreuzigt. Aber Gott hat den Sohn angenommen und gerade durch sein Leiden und vermeintliches Scheitern das Größte mit ihm vollbracht. Die restlichen Verse feiern diesen besonderen Tag und loben Gott für sein wunderbares Handeln.

  1. Wie hast du die Freundlichkeit und Güte des Herrn erlebt – heute, letzte Woche, im letzten Jahr?
  2. Wie kann der Blick auf Gott uns helfen, Ängste zu überwinden und eine neue positive Perspektive zu bekommen? Welche Rolle spielen dabei Gottes Taten in der Vergangenheit, wie sie uns die Hl. Schrift überliefert?
  3. Zinzendorf dichtete „Christi Blut und Gerechtigkeit, das ist mein Schmuck und Ehrenkleid“. In welchem Bezug stehen diese Worte zu dem, was der Psalmist in V. 19-21 zum Ausdruck bringt?
  4. Wie kann Gottes Handeln am und durch den gekreuzigten Christus auch uns in jeder Situation Mut machen (vgl. auch Röm 8,32)?

Gott durch Christus begegnen

„Weil Gott in Jesus Mensch wurde, ist er nicht nur der Gott auf der anderen Seite des Abgrunds, er ist auch die Brücke über den Abgrund. Damit ist er zum Mittler eines neuen Bundes mit Gott geworden – eines Bundes, der unzerbrechlich ist, da er nicht in unserer Treue gründet, sondern in seiner (Hebr 9,14-16).“ (85f)

„Ich habe Gott erst dann wirklich als meinen Erlöser erkannt, wenn ich mich danach sehne, ihn kennenzulernen und ihm zu dienen.“ (89)

„Das biblische Gebet geschieht auf der Basis der unverdienten Gnade und Erlösung Gottes und seiner beständigen, ewigen Vaterliebe. Wenn Gott unser himmlischer Vater ist, braucht es keine Magie oder Opfer mehr.“ (90)

Timothy Keller, Beten: Dem heiligen Gott nahekommen, Gießen: Brunnen, 2016.

Wie wir Gott begegnen

„Durch Christus haben wir die engste und festeste Beziehung zu dem Gott des Universums, die überhaupt möglich ist.“ (80)

„Der Heilige Geist gibt den Gläubigen vielmehr eine existenziell, innere Gewissheit, dass ihre Beziehung zu Gott nicht mehr von ihrer Leistung abhängt, wie etwa in der Beziehung zwischen einem Arbeitnehmer und seinem Vorgesetzten, sondern von Gottes Vaterliebe. Der Heilige Geist nimmt eine theologische Wahrheit und verwandelt sie in eine tiefe innere Zuversicht und Freude. Wir dürfen wissen, dass Gott auf unser Rufen mit der intensiven Liebe und Fürsorge eines Vater antwortet, der den Schmerzensschrei seines Kindes hört – weil wir ihn Jesus sind, dem wahren Gottessohn. Wir dürfen mit der Gewissheit vor Gott treten, dass wir von ihm diese Art der Liebe und Zuwendung erhalten werden. Anders ausgedrückt: Der Heilige Geist gibt uns einen zuversichtlichen Glauben, der wir von alleine zum Gebet wird.“ (81)

Timothy Keller, Beten: Dem heiligen Gott nahekommen, Gießen: Brunnen, 2016.

Psalm 113: Den einzigartigen und uns erlösenden Gott loben!

„Halleluja! Lobet, ihr Knechte des HERRN, lobet den Namen des HERRN! 2 Gelobt sei der Name des HERRN von nun an bis in Ewigkeit! 3 Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang sei gelobet der Name des HERRN!

4 Der HERR ist hoch über alle Völker; seine Herrlichkeit reicht, so weit der Himmel ist. 5 Wer ist wie der HERR, unser Gott, im Himmel und auf Erden?

6 Der oben thront in der Höhe, der herniederschaut in die Tiefe, 7 der den Geringen aufrichtet aus dem Staube und erhöht den Armen aus dem Schmutz, 8 daß er ihn setze neben die Fürsten, neben die Fürsten seines Volkes; 9 der die Unfruchtbare im Hause zu Ehren bringt, daß sie eine fröhliche Kindermutter wird. Halleluja! Halleluja!“ (Psalm 113)

Ps 113 gehört zu den sogenannten Hallel-Psalmen (Lobpsalmen), genauer gesagt zum Ägyptischen Hallel. Diese Psalmen wurden zu den großen Festen gesungen und hatten besonders beim Passah ihren festen Platz. Ps 113 und 114 sang man vor dem Mahl, Ps 115-118 nach dem Mahl.

In den ersten drei Versen finden wir den wiederholten Aufruf Gott zu loben. Gott Lob darzubringen, ist die Aufgabe der Menschen, die sich ihm zugehörig fühlen – sie sind seine Knechte (V. 1). Dieses Lob kennt keine zeitliche Beschränkung – „von nun an bis in Ewigkeit“ (V. 2) soll es erklingen. Noch kennt dieses Lob eine geographische Beschränkung: „vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang“, d.h. auf dem ganzen Erdball soll das Lob Gottes erklingen.

Gott wird gelobt, um seiner selbst willen (V. 4-5). Er ist der souveräne Herrscher über alle Völker (V. 4a), ja über die Völker und die Erde hinaus (V. 4b). Die Einzigartigkeit seines Wesens (V. 5) ist Grund genug ihn zu loben.

Aber Gott wird nicht nur um seiner selbst willen gelobt, sondern auch aufgrund seines erlösenden Handelns (V. 6). Der Gott, der so erhaben ist, schaut in seinem Erbarmen auch auf den Geringen herab. Unwillkürlich denkt man an Christus, den es immer wieder „jammerte“, wenn er die verlorenen Menschen sah (Mt 9,36). Aber Gott schaut nicht nur auf den Geringen herab und lässt ihm geringe Linderung widerfahren. Nein, er, der selbst in der Höhe thront, erhöht auch den Geringen (V. 7b), indem er z.B. Gebete in Notlagen erhört (V. 8-9 zitieren aus dem Lobgesang der Hanna, vgl. 1Sam 2,8). Aber ultimativ erhöht er die Geringen, indem der Gottessohn Jesus Christus, uns zu Söhnen des Vaters (Gal 3,26) und seinen Brüdern (Hebr 2,11) macht.

  1. Gott ist der souveräne Herrscher (V. 4) – was bedeutet das für mein alltägliches Leben, für meine Weltsicht, für meinen Umgang mit guten und schlechten Erlebnissen?
  2. Welche Eigenschaften Gottes – neben seiner Souveränität – führen mich noch ins Gotteslob?
  3. Kann ich die V. 6-9 im Hinblick auf meine eigene, in Christus geschenkte, Erlösung so mitbeten? Warum oder warum nicht? Muss ich ggf. den Blick auf meine Erlösung anpassen?

Warum Jesus in Nazareth keine Wunder tat

„Und er konnte dort nicht eine einzige Tat tun, außer daß er wenigen Kranken die Hände auflegte und sie heilte.“ (Mk 6,5)

Hans Bayer schreibt in seinem Kommentar zu diesem Vers:

„Jesus wird durch diese ablehnende und verwerfende Haltung „gehindert“, Notleidende zu heilen. Bedarf es des Glaubens (als Bereitschaft Jesu gegenüber) als Anstoß und Grund, um geheilt zu werden? Oder widerspricht es vielmehr dem Charakter und Willen Jesu, dort zu heilen, wo prinzipielle Ablehnung (als Reaktion auf ihn) trotz der Kenntnis seiner Vollmacht herrscht? Mit anderen Worten: Liegt das Ausbleiben der Heilungen primär im (resistenten) Willen der Menschen oder vor allem in der souveränen Grundhaltung Jesu, nur dort zu heilen, wo glaubende Offenheit ihm gegenüber besteht? Beides hängt zusammen; Letzteres ist jedoch ausschlaggebend. Das heißt, Jesus vermochte dort keinerlei Wundertaten zu verrichten, weil er nur dort heilen will, wo ihm zumindestens Offenheit (als Reaktion) entgegengebracht wird, wo der einzelne Mensch zumindest damit rechnet, von Jesus geheilt werden zu können. Jesus setzt sich somit willentlich keineswegs über die abweisende Haltung der Menschen, etwa durch „kalte“ (sprich: magische) Wundertaten hinweg.“

Hans F. Bayer, Das Evangelium des Markus, Historisch-Theologische Auslegung, Witten: R. Brockhaus, 2008, S. 238f.

Die Priorität des Wortes

Als sie aber weiterzogen, kam er in ein Dorf. Da war eine Frau mit Namen Marta, die nahm ihn auf. 39 Und sie hatte eine Schwester, die hieß Maria; die setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu. 40 Marta aber machte sich viel zu schaffen, ihm zu dienen. Und sie trat hinzu und sprach: Herr, fragst du nicht danach, daß mich meine Schwester läßt allein dienen? Sage ihr doch, daß sie mir helfen soll! 41 Der Herr aber antwortete und sprach zu ihr: Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe. 42 Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden. (Lukas 10,38-42)

Als Jesus sich mit seinen Jüngern auf dem Weg nach Jerusalem befindet, kommen sie eines Tages nach Betanien. Marta, eine offenbar wohlhabende und tatkräftige Frau, lädt Jesus und seine Jüngergruppe in ihr Haus ein. Sofort beginnt sie mit der Arbeit. Sie will eine gute Gastgeberin sein und so kümmert sie sich mit großem Einsatz um die Bewirtung ihrer Gäste. Es ist ein sehr gutes Ziel, dass Marta verfolgt: Sie will Jesus und seinen Jüngern dienen. Es braucht doch solche Menschen wie Marta! Menschen, die einsatzbereit sind, die keine Mühe scheuen, die sich gerne engagieren. Auch Gemeinden leben davon!

Und dennoch ist Marta hier nicht ganz auf der richtigen Spur. Das wird deutlich, als Marta Jesus auf ihre Schwester Maria anspricht: „Herr, fragst du nicht danach, dass mich meine Schwester lässt alleine dienen? Sage ihr doch, dass sie mir helfen soll!“ (Lk 10,40). Wie gut kann man das Ansinnen Martas verstehen. Würden beide Schwestern mitanpacken, wäre die Arbeit doch schneller erledigt. Und wäre es nicht sowieso angemessen, dass Maria ihrer – vermutlich älteren – Schwester in deren Haus sie wohnt, hilft?

Jesus ist nicht dieser Meinung. Im Gegenteil: Der Herr weist Marta liebevoll, aber doch deutlich, zurecht: „Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe.“ (Lk 10,41). Ihrer Unruhe und ihren vielen Sorgen stellt Jesus, das Eine gegenüber. Das Eine, das wirklich notwendig ist, das Eine, das Maria erwählt hat. Das Eine, nämlich auf das Wort Jesu, also auf das Wort Gottes, zu hören. Dies ist das Eine, „das soll nicht von ihr genommen werden“ (Lk 10,42).

Jesus stellt in dieser kurzen Episode die Priorität des Wortes vor der Tat heraus. Auf das Wort Gottes zu hören, hat für Jesus immer Vorrang – auch vor jeder guten Tat.

Ist die gute Tat dann unwichtig? Oder ist es falsch, wie Marta die eigenen Gäste gut bewirten zu wollen? – Nein, natürlich nicht! Gute Taten und aufopferungsvoller Dienst sind positive Dinge. Es sind auch Dinge, zu denen uns die Bibel und Jesus selbst immer wieder aufruft. Jesus geht es also nicht darum, die gute Tat oder den Dienst schlechtzumachen. Aber es geht ihm um die Priorität, darum, deutlich zu machen, was das Wichtigste ist und was darum stets zuerst kommen soll. Und da ist Jesus eindeutig: Auf Gottes Wort zu hören hat in jedem Fall die höchste Priorität. Alles andere – auch die besten Taten oder der liebevollste Dienst – kommt danach.

Warum ist das so? Weil für Jesus und die ganze Schrift das Hören und dann Glauben von Gottes Wort die Wurzel des Tuns ist. Oder anders gesagt: Das Eine ist die Wurzel des Vielen. So erwächst erst aus dem Hören und Glauben von Gottes Wort ein wirklich verändertes Handeln.

Ich wünsche uns allen den Mut, dem Hören und Lesen von Gottes Wort die höchste Priorität zu geben. Und ich wünsche uns die nötige Zielstrebigkeit diesen Entschluss im Trubel des Alltags auch durchzuziehen!

Eure Rede aber sei: Ja, ja, nein, nein

17 Ihr sollt nicht meinen, daß ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen.  18 Denn wahrlich, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz, bis es alles geschieht.  19 Wer nun eines von diesen kleinsten Geboten auflöst und lehrt die Leute so, der wird der Kleinste heißen im Himmelreich; wer es aber tut und lehrt, der wird groß heißen im Himmelreich. (Matthäus 5,17-19)

33 Ihr habt weiter gehört, daß zu den Alten gesagt ist: »Du sollst keinen falschen Eid schwören und sollst dem Herrn deinen Eid halten.«  34 Ich aber sage euch, daß ihr überhaupt nicht schwören sollt, weder bei dem Himmel, denn er ist Gottes Thron;  35 noch bei der Erde, denn sie ist der Schemel seiner Füße; noch bei Jerusalem, denn sie ist die Stadt des großen Königs.  36 Auch sollst du nicht bei deinem Haupt schwören; denn du vermagst nicht ein einziges Haar weiß oder schwarz zu machen.  37 Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel. (Matthäus 5,33-37)

Die Frage die sich stellt, wenn wir die Verse 17-19 mitlesen:  Was haben die Gebote Gottes, die Gebote der Bibel, die Gebote die auch im AT erwähnt sind, mit dem Christsein zu tun? Jesus sagt hier: Die Gebote – ausgenommen die kultischen Vorschriften, die sich im Opfer Jesu ja erfüllt haben – behalten ihre Verbindlichkeit. Und Jesus dekliniert das dann anhand von einigen Beispielen durch – ja er verschärft es sogar. Das ist die Absicht der Bergpredigt, aus dem dieser Text stammt. Jesus redet zu seinen Jüngern, zu den Menschen, die ihm nachfolgen und er sagt ihnen:  „So sieht der gelebte Glaube aus, so sieht echte Nachfolge aus, wenn meine Botschaft, mein Evangelium auf fruchtbare Herzen stößt!“ Die Bergpredigt zielt darauf ab, dass der Wille Gottes praktisch umgesetzt wird. Nur das Haus, das auf dem Felsen steht, hat ja Bestand. Nur der Glaube, der Frucht bringt, ist echt. Ein Glaube, der nichts verändert, ein Glaube ohne Werke ist tot. Deshalb gehören die Gebote eben auch zum Christsein. Sie sind nicht die Vorbedingung um von Gott angenommen zu werden. Aber sie zeigen uns unsere Unvollkommenheit, sie zeigen uns, dass wir Hilfe – Gottes Hilfe – nötig haben. Und sie helfen uns, ein gelingendes Leben zu führen – unser Miteinander zu verbessern.

Wenn wir also von Geboten und Aufforderungen in der Bibel lesen, in der Predigt hören – dann geht es dabei nie – und das ist ganz wichtig – um ein „Du musst, damit Gott dich liebt.“ Nein, es geht vielmehr darum, dass der Christ mit lebendigem Glauben, aus froher Dankbarkeit über das was Gott ihm so reichlich Gutes getan hat, dankbar antwortet, indem er die Gebote ernst nimmt und mit Gottes Hilfe und seinem Heiligen Geist in seinem Verhalten und seinem Charakter wächst, auf dass er in der Heiligung zunimmt und Gott der all das für ihn möglich gemacht hat, dadurch verherrlicht und ehrt! Das ist die Motivation für jedes Gebot, für alles christliche Verhalten – sonst nichts und das muss hier vorneweg gestellt werden! Das ist ganz wichtig.

  1. Wie ist es aber nun mit dem Schwören?

Ist das Schwören nun erlaubt oder nicht? Oder was will Jesus uns eigentlich hier mit seinen Worten sagen?

Es wird die Geschichte erzählt von einem sehr reichen Geschäftsmann, der todkrank war und im Krankenhaus lag. Eines Tages wurde er von seinem Pastor besucht. Er sprach mit ihm über Gottes Allmächtigkeit, seine Kraft zu heilen, darüber dass Jesus der große Arzt ist und er betete für ihn. Als der Pastor gerade gehen wollte,  sagte der Geschäftsmann voller Ernst: „Mensch, wenn Gott mich wirklich heilen sollte – wow, dann wär ich so dankbar – ich schwör, würde ich der Gemeinde 1 Million Euro spenden!“ Und tatsächlich: nur kurze Zeit später wurde der Geschäftsmann wieder ganz gesund und konnte aus dem Krankenhaus entlassen werden. Einige Monate später traf der Pastor den Geschäftsmann zufällig in der Stadt und sagte zu ihm: „Du weißt doch noch, als du todkrank im Krankenhaus lagst, hast du dem Herrn versprochen der Gemeinde 1 Million Euro zu geben, wenn Gott dich heilt. Nur zu deiner Info: bei uns ist da bisher noch nichts angekommen…“ Der Geschäftsmann antwortete: „Das hab ich wirklich gesagt??? Ich denke, das zeigt ja nun wirklich wie schwer krank ich war….“

Sind solche falschen Versprechen, solche nicht eingehaltenen Eide hier gemeint? Ja, das ist sicherlich das Eine, worum es Jesus geht: Ihr habt weiter gehört, daß zu den Alten gesagt ist: »Du sollst keinen falschen Eid schwören und sollst dem Herrn deinen Eid halten.« Jesus befindet sich damit voll auf einer Linie mit dem AT – das Gebot gilt – Menschen, die Jesus nachfolgen sollen keine falschen Eide schwören, sie sollen nichts versprechen, was sie nicht auch halten. Das gilt nicht nur für die ganz großen Dinge des Lebens – so wie in der Beispielgeschichte oder wenn man ein Eheversprechen abgibt – sondern auch in den ganz alltäglichen Dingen. „Versprichst du mir, dass du mir hilfst?“, wirst du gefragt – „Ja, natürlich helfe ich dir!“ – Wenn du es versprichst, dann halt es auch!

Aber Jesus geht ja mit seinen Worten noch weiter: 34 Ich aber sage euch, daß ihr überhaupt nicht schwören sollt, weder bei dem Himmel, denn er ist Gottes Thron;  35 noch bei der Erde, denn sie ist der Schemel seiner Füße; noch bei Jerusalem, denn sie ist die Stadt des großen Königs.  Sollen wir also überhaupt nicht schwören, nichts versprechen, dürfen Christen keinen Amtseid z.B. ablegen? Aber was passiert dann, wenn sie unter Eid vor Gericht aussagen sollen?

Um diese Frage zu beantworten müssen wir den Hintergrund etwas verstehen, wie das zur Zeit Jesu war. Zur Zeit Jesu wurde sehr viel geschworen – man schwörte z.B. beim „Himmel“, beim „Tempel“, beim Schatz des Tempels, bei der Stadt Jerusalem oder noch ganz anderen Dingen. Und je nachdem welches Objekt man hier beim Schwur genannt hat, bei welcher Sache man geschworen hat, desto verbindlicher oder auch unverbindlicher war ein Schwur. Da konnte man sich hinterher rausreden: „Ich hab ja nur beim Tempel allgemein und nicht beim Schatz des Tempels geschworen…. – Wenn ich es wirklich ernst gemeint hätte, hätte ich beim Schatz des Tempels geschworen…“ Jesus hält von alledem nichts. Er ist da ganz radikal. Er sagt: „Bei diesem ganzen System der abgestuften Eide, die mehr oder weniger wert waren, da sollt ihr nicht mitmachen! Und wenn euch das verführt zum Eidesmissbrauch, zum leichtfertigen Schwören, dann lasst es lieber ganz!“ Das ist es, was Jesus verbietet – nicht den Eid, nicht den Schwur generell – schließlich lässt sich Jesus bei seinem Verfahren selbst unter Eid stellen und Gott selbst schwört in der Bibel auch! Nein, was Jesus verbietet, ist der leichtfertige Schwur, der Eidesmissbrauch. Aber es steckt darin auch noch ein tiefere Wahrheit, ein ganz wertvolles Ideal – und damit sind wir am Kern dieser Worte Jesu

  1. Jesus verpflichtet zu unbedingter Wahrhaftigkeit

Schauen wir nochmal auf V. 37: Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel.“ Ein Christ erzählt von seiner längeren Tätigkeit in China: „Wenn man das Vorrecht oder die Pflicht hat, in einem fremden Land zu arbeiten, dann empfiehlt sich vorher ein Kursus, der uns in die Gepflogenheiten dieses Landes einführt. So ist es mir auch mit der Volksrepublik China gegangen. Eine Botschaft war für mich besonders wichtig: Das fehlende NEIN in China. Ein Chinese sagt immer JA. Aber aus der Art, wie er JA sagt, muss man heraushören, was er meint: „JA, das müssten wir vielleicht einmal machen“ bedeutet in etwa, dass der Vorschlag so dumm ist, dass man ihn gar nicht in Betracht ziehen sollte. „JA, das sollten wir vielleicht morgen noch einmal bedenken“ bedeutet in etwa: „Wenn Du mir nicht mit besseren Fakten kommst, werde ich das nicht machen.“ „JA, das ist gut, das sollten wir machen“ bedeutet in etwa: „Im Moment fällt mir nichts ein, was dagegen spricht. Schau’n wir mal…“ „JA, ich setze mich sofort daran und kümmere mich darum.“ Hier beginnt das, was man umgangssprachlich unter JA versteht, aber man sollte sich auch jetzt nicht zu sehr darauf verlassen. Und dieser Christ schlussfolgert: China ist eine höfliche Welt, aber wer die vielen Varianten des JA, das ein verstecktes NEIN ist, nicht kennt, kann ganz große Enttäuschungen erleben.“ Und er berichtet weiter: China ist kein christliches Land. Denn wir haben durch Christus eine ganz andere Botschaft: „Es sei aber eure Rede: Ja, ja! Nein, nein! Was darüber ist, das ist vom Bösen.“

Dieses Beispiel zeigt uns worauf Jesus hinaus will: es sind keine Detailfragen des richtigen Schwörens. Es geht ihm um die ganz praktische Frage, ob das was wir sagen ernst zu nehmen ist, ob wir wahrhaftig, klar und eindeutig sprechen. Wenn ihr „Ja“ sagt, sollt ihr „ja“ meinen, wenn ihr „nein“ sagt, sollt ihr klar und eindeutig „nein“ meinen. Jeder beschwörende Zusatz ist dann im Grunde unnötig. Und jede sich einschleichende Unehrlichkeit, Halbwahrheit oder Halbherzigkeit beim Reden ist vom Bösen und soll sich gar nicht erst vorkommen!

Jesus will, dass das was wir sagen mit dem was wir meinen, identisch ist! Bei ihm gibt es keine zwei Klassen von Worten – Worte, die nicht ganz so ernst zu nehmen sind und andere, die man sehr ernst nehmen kann. Nein, Jesus fordert uns auf: Sagt was ihr meint, sagt klar und deutlich „Ja“ oder sagt klar und deutlich „Nein“

Wenn man ehrlich ist, ist das gar nicht immer so einfach. Da werden wir gefragt, ob wir bei dieser oder jener Veranstaltung dabei sein werden und antworten „Ja, mal schauen…“ Wie oft heißt diese Antwort im Grunde aber „Nein, ich werde nicht dabei sein, aber ich muss mir noch den Grund für meine Absage überlegen….“ Oder man hat den Anrufer am Telefon, von dem man genervt ist und den man schnellstmöglich wieder loswerden will. „Du, ich muss jetzt ganz schnell aus dem Haus, habe noch einen Termin“, sagt man ihm – aber das stimmt vielleicht gar nicht. Oder wir sind in der Diskussion über ein Thema und unser Gegenüber stellt ganz selbstbewusst eine Meinung in den Raum, die wir überhaupt nicht teilen: „man müsste das und das doch so und so handhaben…“ – aber wir wollen lieber unsere Ruhe oder scheuen den Konflikt und sagen: „Ja, ja, du hast schon irgendwo Recht…“ Jesus sagt: „Eure Rede aber sei: Ja, ja, nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel.“

Besonders gilt das auch für die Zusagen, die wir anderen geben: Was sagst du also anderen Menschen zu? Kann man sich auf dein Wort auch verlassen, wenn du nicht ausdrücklich dazu sagst „ich verspreche es dir?“ Wozu gibt’s du deine Zustimmung, wozu gibt’s du dein Ja oder auch dein Nein? Sagst du was du meinst? Oder sagst du das, wovon du meinst, dass der andere es hören will? Jesus sagt: „Eure Rede aber sei: Ja, ja, nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel.“

Um das zu leben, das durchzuhalten, immer wahrhaftig das zu sagen, was wir meinen, dazu braucht es eine innere Freiheit, dazu braucht es auch Mut, dazu braucht es auch mal Überwindung, dann nämlich, wenn wir unsere Zusagen einhalten wollen, die uns zum Nachteil sind. In solche Situationen kommt man ja immer wieder mal. Da hat man einen Termin zugesagt und dann ergibt sich noch was anderes, was man eigentlich lieber wahrnehmen möchte… Dann gilt es, sich auch mal zu überwinden!

„Eure Rede aber sei: Ja, ja, nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel.“ Als Christen haben wir eine besondere innere Freiheit, die uns von Christus geschenkt ist. Wir haben sie, weil Christus uns befreit hat, weil in ihm unsere Identität ist – weil wir uns nicht durch die Meinung anderer, durch unsere Beliebtheit definieren müssen. Wir können darum sagen, was wir wirklich meinen – auch wenn wir da nicht immer auf Gegenliebe stoßen. Nicht, dass wir unfreundlich sein sollen oder uns nicht taktvoll verhalten sollen. Aber wir können uns trauen, zu sagen was wir meinen: nicht die Beliebtheit bei anderen ist das was uns definiert. Sondern das was wir für Gott sind, das definiert uns. Und wer an Jesus glaubt, zu dem sagt Gott: du bist mein Kind, für das ich mein Liebstes – meinen geliebten Sohn – gegeben haben. Hier, in Christus liegt unsere Identität! Als Christen können wir darum mutig sein, weil Jesus bei uns ist. Wir brauchen keine Angst, keine Menschenfurcht zu haben – er ist da, er bewahrt uns, er ist souverän und allmächtig, von seinem Segen kann uns nichts trennen. Und ganz wichtig: Als Christen können wir uns auch überwinden, etwas zu tun, das uns zum Nachteil dient und anderen zum Vorteil! Denn: Jesus hat das ja auch getan! Er hat den Himmel verlassen, er hat sein menschliches Leben riskiert, verloren, ja für uns gegeben. Er hat etwas zu seinem Nachteil getan, damit es für uns zum großen Vorteil wird. Und durch ihn – da sind wir immer auf der Gewinnerseite, weil er uns diesen großen Vorteil schenkt – und zwar auch wenn wir in einem konkreten Fall mal einen Nachteil erleben, weil wir – gegen unser Empfinden – das tun, was wir zugesagt haben. Jesus sagt: „Eure Rede aber sei: Ja, ja, nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel.“

Gott helfe uns, auch in seinen Geboten zu erkennen, dass er es gut mit uns meint – dass sie uns gegeben sind, um uns zu helfen. Er schenke uns veränderte Herzen, dass wir aus Dankbarkeit als wahrhaftige Christen leben und reden und zu unserem Wort stehen. Damit unser Zusammenleben mit anderen gelingt und unser Herr verherrlicht werde.

Was Jesus über Moses Schriften sagt

45 Ihr sollt nicht meinen, daß ich euch vor dem Vater verklagen werde; es ist einer, der euch verklagt: Mose, auf den ihr hofft.  46 Wenn ihr Mose glaubtet, so glaubtet ihr auch mir; denn er hat von mir geschrieben.  47 Wenn ihr aber seinen Schriften nicht glaubt, wie werdet ihr meinen Worten glauben? (Johannes 5,45-47)

Als Jesus diese Worte in einer Auseinandersetzung mit seinen Gegnern sprach, war Mose schon viele hundert Jahre tot. „Mose zu glauben“ kann also nichts anderes meinen, als den Schriften Moses zu glauben. In V. 46 macht Jesus deutlich, dass er der Ansicht ist, dass seine Gegner gar nicht wirklich Moses Schriften glauben, wie sie vorgaben. Denn dann würden sie auch ihm glauben, weil – so Jesus – Mose von ihm schreibt. Im Endeffekt erklärt Jesus in diesen kurzen Sätzen den Glauben an die Schriften Moses zur Voraussetzung des Glaubens an Jesus.

Das ist hochinteressant. Denn im Gegensatz zu damals, sagen heute viele Menschen, dass sie zwar an Jesus glauben, nicht jedoch an die Schriften des AT bzw. Moses. Sie schätzen Jesu Bergpredigt, glauben jedoch nicht Moses Worten von der Sintflut. Sie finden die Gleichnisse Jesu inspirierend, nicht jedoch was Mose über den Sündenfall schreibt oder über die Notwendigkeit von Sühne. Sie glauben an die Auferweckung Jesu, nicht jedoch Moses Bericht vom Auszug aus Ägypten…

Wenn wir Jesu Sicht des AT betrachten und uns als seine Jünger verstehen (die ihm nacheifern wollen), sollten wir so ein Verständnis des AT unbedingt revidieren.

Literaturtipp zu diesem Thema: John Wenham, Jesus und die Bibel, Holzgerlingen: Hänssler, 2000.

 

Der Sieg des Königs

8 Die Erde bebte und wankte, und die Grundfesten der Berge bewegten sich und bebten, da er zornig war.  9 Rauch stieg auf von seiner Nase und verzehrend Feuer aus seinem Munde; Flammen sprühten von ihm aus.  10 Er neigte den Himmel und fuhr herab, und Dunkel war unter seinen Füßen.  11 Und er fuhr auf dem Cherub und flog daher, er schwebte auf den Fittichen des Windes.  12 Er machte Finsternis ringsum zu seinem Zelt; in schwarzen, dicken Wolken war er verborgen.  13 Aus dem Glanz vor ihm zogen seine Wolken dahin mit Hagel und Blitzen.  14 Der HERR donnerte im Himmel, und der Höchste ließ seine Stimme erschallen mit Hagel und Blitzen.  15 Er schoß seine Pfeile und streute sie aus, sandte Blitze in Menge und jagte sie dahin.  16 Da sah man die Tiefen der Wasser, und des Erdbodens Grund ward aufgedeckt vor deinem Schelten, HERR, vor dem Odem und Schnauben deines Zornes. (Psalm 18,8-16)

Was David hier in markigen, bildhaften Worten beschreibt ist das Gericht Gottes über Davids Feinde. Das ist, was David erlebte. Dass der Herr gegen seine Feinde gewaltsam vorging und ihn selbst so rettete.

Bei Jesus dagegen ist es etwas Entscheidendes ganz anders! Als Jesus am Kreuz stirbt, wird es auf einmal dunkel – gegen 12 Uhr – mitten am Tag also. Ein Zeichen für das Gericht Gottes. Als Jesus stirbt, übt Gott Gericht für alle Grausamkeiten, alle Schuld, jedes Verbrechen – soweit die Gemeinsamkeiten mit David.

Aber über wen kommt das Gericht Gottes in diesem Moment? Kommt Gott in seiner Gewalt und Macht und tilgt sie alle davon, die Feinde Jesu? Die römischen Soldaten, die ihn verlacht und ans Kreuz geschlagen hatten? Die Pharisäer und Schriftgelehrten, die Hohenpriester, die sich so für seine Kreuzigung eingesetzt hatten? Die große Menschenmenge, die sich hat aufstacheln lassen und „Kreuzige ihn“ schrien? Kommt Gott in seiner Gewalt und tilgt sie davon, die Feinde Jesu?

Gott übt Gericht auch bei Jesus, auch an Karfreitag. Aber Gott übt das Gericht nicht an den Feinden, um so den Unschuldigen – Jesus – zu retten. Gottes Gericht kommt über das unschuldige Opfer – über Jesus – er trägt das Gericht! Gottes Gericht geht an Karfreitag auf Jesus herab – nicht auf die Feinde Jesu – um die Feinde, um uns, zu retten. Was für ein wunderbarer Gegensatz zu David. Er war das Opfer und Gott richtete seine Feinde. Später war Jesus, der Sohn Gottes, das Opfer und wir seine Feinde – und Gott richtet seinen Sohn, um uns, die Feinde zu retten.

In V. 17-20 lesen wir, wie David, der unschuldig Verfolgte, diese wunderbare Rettung aus der Not empfand: 17 Er streckte seine Hand aus von der Höhe und faßte mich und zog mich aus großen Wassern. 18 Er errettete mich von meinen starken Feinden, von meinen Hassern, die mir zu mächtig waren;  19 sie überwältigten mich zur Zeit meines Unglücks; aber der HERR ward meine Zuversicht.  20 Er führte mich hinaus ins Weite, er riß mich heraus; denn er hatte Lust zu mir. Jesus war derjenige, der überhaupt keine Schuld hatte – nicht mal ein bisschen. Er ist das unschuldige Opfer schlechthin. Und doch gilt, was wir eben gelesen haben, nicht mehr dem unschuldigen Opfer, sondern es gilt jetzt uns, den schuldigen Feinden, den Verfolgern Jesu. Wir werden gerettet! Die schuldigen Verfolger werden gerettet! Denn ja, wir sind schuld am Tode Jesu – auch wenn wir nicht direkt beteiligt waren. Auch wenn andere die direkte Verantwortung tragen. Aber es war deine und meine Schuld, die Christus ans Kreuz gebracht hat. Es war das Gericht, das du und ich hätten erleben müssen, was Christus durchlitten hat. Der Sieg des Königs am Kreuz, besiegelt durch seine Auferstehung, bewahrt uns vor dem Gericht und schenkt uns – den Feinden – die Rettung. Jesus Christus spricht: „Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen.” (Joh 5,24)

Meine ganze Predigt, die ich an Ostersonntag über Psalm 18 gehalten habe, findest du hier: Der Sieg des Königs