Jesus vergisst seine Jünger auch im Versagen nicht

„Petrus aber sprach: Mensch, ich weiß nicht, was du sagst. Und alsbald, während er noch redete, krähte der Hahn. Und der Herr wandte sich und sah Petrus an.“ (Lk 22,60-61a)

Petrus war Jesus sicherlich mit guten Absichten in den Hof des Hohenpriesters gefolgt, wo dieser verhört wurde. Er wollte wissen, was mit Jesus geschieht und vielleicht würde er ihm sogar zur Seite stehen können. Doch allen guten Vorsätzen zum Trotz versagt Petrus an dieser Stelle. Drei Mal leugnet er, Jesus zu kennen. Er bekräftigt dies sogar mit einem Schwur. Petrus ist keine Hilfe für den Herrn. Im Gegenteil: er ist ihm untreu.

Und Jesus? Nachdem Petrus ihn das dritte Mal verleugnet hatte, geschieht etwas Erschütterndes. Jesus dreht sich um zu Petrus – es gibt einen Moment des Blickkontaktes zwischen beiden – doch Jesus schweigt. Jesus muss Petrus nicht sagen. Er versteht sofort sein Fehlverhalten. Aber das Schweigen Jesu hat noch eine ganz andere Dimension. Durch sein Schweigen schützt Jesus seinen untreuen Jünger. Hätte Jesus auch nur ein Wort zu Petrus gesprochen, wäre es für alle offensichtlich gewesen, dass Petrus zu ihm gehörte. Doch Jesus schweigt. Er bewahrt Petrus vor dem Bösen (vgl. 2Thess 3,3). Hier wird deutlich: Jesus vergisst seine Jünger auch im Versagen nicht.

Paulus schreibt später: „Sind wir untreu, so bleibt er doch treu; denn er kann sich selbst nicht verleugnen.“ (2Tim 2,13). Wie wunderbar zu so einem Herrn zu gehören! Wie tröstend, dass Jesus – selbst wenn er auf uns in unseren schwachen Stunden, in unserem Versagen und unserer Sünde blickt – uns nicht von sich stößt, sondern uns treu zur Seite steht!

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Bist du gut gerüstet?

„Und er sprach zu ihnen: Als ich euch ausgesandt habe ohne Geldbeutel, ohne Tasche und ohne Schuhe, habt ihr da je Mangel gehabt? Sie sprachen: Niemals. 36 Da sprach er zu ihnen: Aber nun, wer einen Geldbeutel hat, der nehme ihn, desgleichen auch die Tasche, und wer’s nicht hat, verkaufe seinen Mantel und kaufe ein Schwert. 37 Denn ich sage euch: Es muß das an mir vollendet werden, was geschrieben steht: »Er ist zu den Übeltätern gerechnet worden.« Denn was von mir geschrieben ist, das wird vollendet. 38 Sie sprachen aber: Herr, siehe, hier sind zwei Schwerter. Er aber sprach zu ihnen: Es ist genug.“ (Lukas 22,35-38)

Das Wunder des Glaubens

Kurz vor seiner Passion erinnert Jesus seine Jünger an die Zeit als er sie in 2er-Teams ausgesandt hatte (vgl. Lk 10). Damals sollten sie sich ohne Proviant und andere Ausrüstung auf den Weg machen. Und trotzdem haben sie – so bekennen sie es hier freimütig und ohne Einschränkungen – niemals die Erfahrung gemacht, dass die Mangel leiden mussten. War deshalb alles einfach gewesen? Heißt das, dass sie damals nie Ablehnung erlebt hatten? Dass es keinerlei Probleme gab? Dass sie ständig auf Wolke 7 durch die Gegend schwebten?

Nein, ich glaube nicht. Aber wir sehen hier eine Besonderheit der Nachfolge, die auch noch heute gilt: Manches ist zwar schwer im Leben mit Jesus, durch manche Niederlage muss man durch, manches muss einfach ertragen werden und größere Probleme gibt es natürlich auch.  Und trotzdem ist es doch immer so, dass wir in der Rückschau bezeugen können: „Niemals Herr, hast du uns Stich gelassen. Niemals hatten wir zuwenig. Ja, manches schwer, manches hat uns ratlos gemacht und manches war kaum zu tragen. Und doch haben wir niemals erlebt, dass du nicht für uns da warst.“ Das ist das Wunder des Glaubens! Das ist Vorrecht, dass wir erleben können, wenn wir uns auf das Abenteuer Jüngerschaft einlassen.

Eine neue Zeit bricht an

Dann aber – in V. 36 – fordert Jesus sie auf, zukünftig sich doch auszurüsten – mit Geldbeutel, Tasche und sogar Schwert. Ja, diese Ausrüstung ist Jesus so wichtig, dass wir sogar den Mantel verkaufen sollen, um sie uns besorgen zu können. Was meint Jesus hier? Fordert er seine Jünger gar zur Bewaffnung auf?

Nun, ein Blick auf Lk 22,49-51 – aber auch auf andere Stellen im NT – zeigt, dass so eine Deutung nicht richtig sein kann. Ich meine, dass es Jesus hier vielmehr um eine geistliche Ausrüstung geht. Denn bedenken wir an welchem Zeitpunkt wir uns hier befinden: Jesus steht sein Leiden, das Kreuz und die Auferstehung bevor. Dem würde seine Himmelfahrt und Pfingsten mit der Ausgießung des Hl. Geistes folgen. Das Zeitalter der Gemeinde und der Mission würde in Kürze anbrechen. Die Apostel würden erneut von Jesus ausgesandt werden (wie in Lk 10). Dieses mal aber um das Evangelium in die ganze Welt zu bringen. Für diese ungleich größere und schwerere Aufgabe gilt es ausgerüstet zu sein. Für diesen Auftrag braucht es eine geistliche Ausrüstung. Dass wir gut gerüstet sind, ist dabei so wichtig, dass wir dafür alles investieren sollten.

Und an diesem Punkt wird es dann auch für uns konkret. Das Evangelium weiterzugeben ist ein Auftrag, der allen Christen – auch uns – gilt. Die Frage ist: Bist du gut gerüstet dafür? Wie ist um deine geistliche Ausrüstung bestellt? Investierst du in sie? Ist es dir wichtig, in Glaubensdingen zu reifen? Was würde dir helfen, um besser für die Aufgaben ausgerüstet zu sein, in die du von Gott gestellt bist? Welchen „Mantel“ musst du vielleicht verkaufen (V. 36), um dir eine bessere geistliche Ausrüstung zuzulegen?

Hat Jesus Raum in meinem Leben?

Denken wir mal an unsere Jugendzeit zurück. Vermutlich hatten die meisten von uns in ihrem Elternhaus ein eigenes Zimmer. Dort, im eigenen Zimmer durften wir – natürlich in gewissen Grenzen – machen was wir wollten. Wir konnten die Wandfarbe, Bilder und Poster, Möbel und manches mehr selbst auswählen.  Wir waren aber auch verantwortlich, z.B. dafür das eigene Zimmer sauber und ordentlich zu halten. Ein eigenes Zimmer bedeutet also Eigenverantwortung, Freiheit aber auch Privatsphäre. Hier sind wir unbeobachtet, hier dürfen wir ein Stück weit tun und lassen, was wir wollen. Nun stellen wir uns mal vor, damals hätte sich ein guter Freund bzw. eine gute Freundin bei uns im Zimmer einquartieren wollen. Für ein Wochenende und vielleicht auch eine Woche wäre das eine tolle Sache gewesen. Aber wie hätten wir das empfunden, wenn der gute Freund bzw. die gute Freundin auf Dauer in unserem Zimmer hätte wohnen wollen? Vermutlich hätte unsere Begeisterung dann irgendwann wieder abgenommen. Denn klar, Gemeinschaft zu haben ist eine gute Sache. Aber irgendwann wird’s uns vielleicht zu eng und zu viel.

Ähnlich kann es uns auch in unserem Glauben ergehen. Denn Jesus will Raum haben in unserem Leben! Und die Frage ist: Hat Jesus eigentlich Raum in  meinem Leben? Wir sollten diese Frage nicht vorschnell mit „Ja klar“, abhaken, sondern uns das ernsthaft fragen: Hat er wirklich Raum in meinem Leben? Oder lass ich ihn mein Leben vielleicht kurz hineingucken, wie der Jugendliche die Mutter ins eigene Zimmer hineinschauen lässt, um dann doch wieder schnell die Türe zu schließen, damit sie nicht sieht, was sich dahinten in der Ecke alles für ein Zeug auftürmt? Es kann sein, dass wir an sich Jesus in unserem Leben Raum geben wollen, es uns aber irgendwann doch „zuviel“ wird und wir ihn wieder rauskomplementieren, wie den guten Freund, der sich auf Dauer bei uns einrichten will… Denn Fakt ist: schon immer haben sich Menschen schwergetan, Jesus Raum zu geben.

Menschen tun sich schwer, Jesus Raum zu geben

Denken wir nur an die bekannte Weihnachtsgeschichte. Josef kam mit der hochschwangeren Maria nach Bethlehem und war auf der Suche nach einer Unterkunft. Und dann heißt es: „Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.“ (Lk 2,7). Schon bei Jesu Ankunft in dieser Welt tat er sich schwer, Raum bei den Menschen zu finden. Ein ähnliches Bild sehen wir, wenn wir auf das Ende von Jesu Zeit auf dieser Erde schauen. Jesus will mit seinen Jüngern das Passahfest feiern. Aber auch jetzt gibt es eben nicht viele, die bereit sind ihm einen Raum dafür im überfüllten Jerusalem zur Verfügung zu stellen. Jesus schickt darum Petrus und Johannes zu einem Mann, dem sie ausrichten sollen: „Der Meister läßt dir sagen: Wo ist der Raum, in dem ich das Passalamm essen kann mit meinen Jüngern?“ (Lk 22,11) Dieser besondere Mann ist der einzige, der Jesus uns seinen Jüngern einen Raum zur Verfügung stellt. Wer aber nicht mal bereit ist Jesus im wörtlichen Sinne einen Raum zur Verfügung zu stellen, der ist wohl noch viel weniger dazu bereit, ihm Raum zu geben im eigenen Leben. Darum heißt es bei Johannes auch ganz zutreffend: „Er [Jesus] kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf.“ (Joh 1,11)

Wieviel Raum hat Jesus in meinem Leben?

Wie sieht es also bei dir und mir aus im Leben? Hat Jesus eigentlich Raum in  meinem Leben? Sagen wir hier nicht zu schnell „Ja“, nur weil wir uns als Christen verstehen und an Jesus glauben. Zwar ist natürlich die Glaubensentscheidung ganz wichtig. Es ist ganz grundlegend zu sagen: „Ja, Jesus, ich glaube an dich und öffne dir als meinem Herrn mein Leben!“. Und dennoch – auch wenn wir an Jesus bereits glauben – stellt sich die Frage: Wieviel Raum hat Jesus eigentlich wirklich in meinem Leben? Lass ich ihn wirklich hinein in mein Leben? Oder verhalte ich mich eher, wie ein Jugendlicher der genaustens über sein eigenes Zimmer wacht? Darf Jesus vielleicht nur kurz hineinschauen? Oder darf er nur zu bestimmten Zeiten in mein Lebens-Zimmer hineingucken (z.B. Sonntags)? Und darf er auch jede Ecke meines Lebens-Zimmers in Augenschein nehmen? Wie ist das also bei mir?

Wie können wir Jesus mehr Raum geben?

Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, hilft es, sich persönliche, tiefgehende Fragen zu stellen. Fragen, die verschiedene Lebensbereichen ansprechen und die wir ehrlich beantworten sollten: „Welchem Raum nimmt die Beschäftigung mit der Bibel in meinem Leben ein? Wieviel Zeit nehme ich mir zum Bibellesen, habe ich die Bibel eigentlich schon mal ganz gelesen?“ Oder: „Wie wichtig ist es für mich, meine Gemeinde zu besuchen? Nehme ich auch anderen Gelegenheiten, Gemeinschaft mit anderen Jesusnachfolgern zu haben, gerne wahr?“ Oder zum Thema Finanzen: „Betrachte ich mich, was mein Geld angeht als Eigentümer oder nur als Verwalter? Wieviel gebe ich für die  Zwecke des Reiches Gottes?“ Oder was das Intimleben betrifft: „Habe ich den Eindruck, dass meine Fantasie durch sexuelle Gedanken zu sehr beschlagnahmt oder verunreinigt wird?   Tue ich diesem Bereich Dinge, die Gott nicht gefallen oder überschreite ich von ihm gesetzte Grenzen?“ Noch vieles weitere ließe sich hinzufügen. Fragen wir uns, welchen Raum wir Jesus in unserem Leben geben. Und bedenken wir: Auch wenn wir hierbei auf Unerfreuliches wie Sünde stoßen, so ist das kein Desaster. Denn Gott vergibt Sünden, die wir bekennen gerne (vgl. 1Joh 1,9). Und vor allem: Nur was ich erkannt habe, kann ich auch überwinden. Und auch dazu sind wir von Gott befähigt (vgl. Röm 6,11-14).

Geben wir Jesus mehr Raum in unserem Leben! Dass er sich in unserem Leben niederlässt, wie ein Mitbewohner im eigenen Zimmer. Jemand, der auf Schritt und Tritt dabei ist. Der uns aber – anders als jeder Mensch – stets den besten Weg führt!

Wozu wir Menschen fähig sind

„Es fuhr aber der Satan in Judas, genannt Iskariot, der zur Zahl der Zwölf gehörte. Und er ging hin und redete mit den Hohenpriestern und mit den Hauptleuten darüber, wie er ihn an sie verraten könnte.“ (Lk 22,3-4)

Das ist doch eigentlich unglaublich! Judas Iskariot, einer der zwölf von Jesus selbst berufenen Jünger, wird zum Verräter. Er, der Jesus so viele Jahre aus nächster Nähe erlebt hatte, der seine große Taten sah, seine vollmächtigen Predigten hörte, der Jesus vermutlich persönliche Fragen stellte er schlägt sich auf einmal auf die andere Seite. Er öffnet sich dem Satan, geht zu den Hohenpriestern und schlägt ihnen einen Deal vor. Geld gegen eine günstige Gelegenheit, Jesus ohne viel Aufsehen verhaften zu können.

Was sollen wir darüber denken? War Judas ein besonders schlimmer Mensch – da er ja seinen Freund und Heiland verriet? War er dem Bösen besonders verfallen, war er gewissermaßen ein Monster?

Die Bibel zeigt uns, dass wir uns nicht über Judas erheben sollten. Wir sollten nicht verachtend denken „Wie kann er nur…“, sondern uns vielmehr bewusst sein, dass diese Neigung zum Bösen in jedem Menschen – auch in uns – steckt. Paulus warnt zurecht: „Wer meint, er stehe, mag zusehen, dass er nicht falle.“ (1Kor 10,12) Judas war kein besonders schlimmer Mensch, er war kein Monster. Nein, sein Beispiel zeigt uns, wozu wir Menschen alle – ausnahmslos – fähig sind: nämlich zum schlimmsten Verrat und den bösesten Taten. Der Mensch ist durch den Sündenfall völlig verdorben (man lese nur mal Römer 3,10ff).

Auch wenn wir heute in den Medien von den grausamsten Verbrechen lesen (ich erspare mir hier die Beispiele), taucht manchmal dieser Gedanke in uns auf: „Wer so etwas tut, ist doch gar kein Mensch, der muss ein Monster ein…!“ Nein, auch solche Taten zeigen uns auf schockierende Weise, zu was für Boshaftigkeiten wir Menschen alle grundsätzlich fähig sind.

Wir sollten uns also weder über Judas noch andere Menschen, die Schlimmstes auf dem Gewissen haben, erheben. Vielmehr sollten wir Gott dankbar sein, dass er uns durch sein gnädiges Wirken vor ähnlich schlimmen Taten bewahrt hat. Wir sollten, zweitens, wachsam auf unseren Wandel achten, dass wir nicht auch eines Tages fallen. Und vor allen Dingen müssen wir erkennen, dass wir als Menschen hoffnungslos verloren sind und einen Retter dringend brauchen! Gott sei Dank, dass er uns Jesus Christus gegeben hat, uns Menschen – die wir wie Judas und die grausamsten Verbrecher – zu jeder bösen Tat fähig sind.

Das Warten geht weiter

Inzwischen ist Hl. Abend schon wieder zwei Tage her und heute ist schon der letzte Weihnachtsfeiertag. Und auch wenn die Weihnachtszeit noch einige Tage dauert, so ist sie dann doch auch wieder schnell vorbei. Es dauert gar nicht mehr so lange, dann ist die letzte Kerze verlöscht, das Geschenkpapier zusammengeknüllt, der Weihnachtsbaum durch die Müllabfuhr entsorgt und die Weihnachtsdeko fürs nächste Jahr im Keller verstaut. Und wieder ist diese besondere Zeit, mit ihrem Glanz, mit ihren Zauber mit ihrer einzigartigen Atmosphäre vorbei. Und dann?

Naja, im Prinzip geht’s wieder von vorne los. Wir warten wieder auf Weihnachten. Wir mögen das vielleicht nicht so wahrnehmen – weil erstmal andere Dinge auf uns zukommen – aber im Grunde genommen ist das so. Nach Weihnachten ist vor Weihnachten. Das Warten auf Weihnachten ist nicht zu Ende. Kurz nach dem es sein Ende findet, geht es wieder von vorne los. Ganz genauso ist auch das Warten auf Jesus mit seiner Geburt, seinem ersten Kommen auf diese Welt nicht zu Ende. Nein, das Warten geht weiter. Denn nachdem Jesus einmalig zu Weihnachten in diese Welt gekommen ist, erwarten wir seine Wiederkunft. Wie Simeon und viele andere Juden zur Zeit Jesu auf das Kommen des Messias gewartet haben, so sind auch wir Wartende. Weihnachten erinnert uns daran, dass das Warten weiter geht. Dass wir warten auf die Wiederkunft unseres Herrn.

„7 So seid nun geduldig, liebe Brüder, bis zum Kommen des Herrn. Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen. 8 Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe. 9 Seufzt nicht widereinander, liebe Brüder, damit ihr nicht gerichtet werdet. Siehe, der Richter steht vor der Tür. 10 Nehmt, liebe Brüder, zum Vorbild des Leidens und der Geduld die Propheten, die geredet haben in dem Namen des Herrn. 11 Siehe, wir preisen selig, die erduldet haben. Von der Geduld Hiobs habt ihr gehört und habt gesehen, zu welchem Ende es der Herr geführt hat; denn der Herr ist barmherzig und ein Erbarmer.“ (Jakobus 5,7-11)

Das Warten geht uns auf die Nerven

Niemand wartet gerne. Sei es an der zugigen Bushaltestelle auf den stark verspäteten Bus. Oder im Wartezimmer des Arztes, wo es einfach nicht voranzugehen scheint. Auch auf die Erfüllung unserer Lebensziele warten wir nicht gerne. Ja, wenn wir ehrlich sind, geht uns die Warterei häufig auf die Nerven. Auch auf die Wiederkunft Jesu zu warten fällt uns nicht leicht. Darum heißt es hier bei Jakobus ganz zu Recht: „Seufzt nicht widereinander, liebe Brüder, damit ihr nicht gerichtet werdet.“ (V. 9) Denn das ist unsere Tendenz, dass wir seufzen, dass wir klagen über die Warterei. Und wir sind in der steten Versuchung das Warten auf Jesus abzukürzen, auszublenden oder zu vergessen.

Die Versuchung, das Warten abzukürzen

Wie sieht das aus, wenn man das Warten auf Jesus einfach versucht abzukürzen? In frühchristlicher Zeit war das ein echtes Problem. Da sagten die Leute: „Eigentlich ist das Warten doch schon zu Ende. Auch wenn wir Jesus zwar nicht sehen, so ist das neue Leben – das er uns doch versprochen hat – doch schon jetzt voll da. Wir müssen nichts mehr erwarten. Wir haben alles schon jetzt. Und weil das so ist, brauchen wir auch keine Zeit mehr vergeuden, mit so sinnlosen weltlichen Dingen wie arbeiten zu gehen… Im Grunde genommen können wir auch in gar keine Sünde mehr fallen – alles ist uns doch erlaubt – wir sind doch frei im Herrn Jesus.“ 2Thess 2-3 und auch 1Kor sind Beispiele für die Versuchung, das Warten einfach abzukürzen.

Die Gefahr, das Warten einfach auszublenden

Dann gibt es andere, die das Warten einfach ausblenden – das ist wohl die Versuchung, die heute am häufigsten ist. Es wird einfach gar nichts mehr erwartet. Die Wiederkunft Jesu wird nicht thematisiert. Entweder man glaubt nicht an sie oder man hat sie zumindest völlig aus dem Blick verloren. Dass uns als Gläubigen große Dinge verheißen sind – ein neuer Himmel, eine neue Erde, ein Leben in der Gegenwart Gottes ohne jedes Leid – das spielt keine Rolle mehr. Wichtig ist dagegen, dass der Glaube jetzt etwas bringt. Dass der Glaube mich jetzt glücklicher und zufriedener macht. Das ist so ein „Sahnehäubchen-Christentum“ Das Eigentliche worum es im Leben geht ist längst irgendetwas anderes und der Glaube soll das ganze wie das Sahnehäubchen den Eisbecher lediglich noch etwas abrunden und verfeinern.

Das Problem, das Warten einfach zu vergessen

Wiederum gibt es andere, die zwar warten – aber über die Wartezeit vergessen, dass sie eigentlich warten. Zu sehr sind sie von den vielen Verpflichtungen dieser Welt in Beschlag genommen. Der Alltag hat sie so sehr im Griff, dass sie an die Wiederkunft Jesu irgendwann keinen Gedanken mehr verschwenden. Sie sind gewissermaßen wie derjenige, der an der Bushaltestelle einen lange Jahre nicht gesehenen Bekannten überraschend wiedertrifft. Die beiden kommen dann ins Gespräch, reden über dieses und jenes „Wie geht’s eigentlich dem? Hast du eigentlich gehört, was der inzwischen macht? Wohnst du eigentlich immer noch in dieser Wohnung mit dem schönen Balkon?“ Und über das intensive Gespräch bemerkt der Wartende gar nicht, wie sein Bus an die Haltebucht heranfährt, Fahrgäste ein- und aussteigen und wie er schließlich wieder weiterfährt. Ja, auch das ist eine Gefahr. Dass wir die Wiederkunft Jesu einfach verschlafen – weil wir zu abgelenkt von allem möglichen sind.

Ein Christsein ohne Warten gibt es nicht

Tatsache ist aber, dass wir als Christen zum Warten aufgerufen sind. Ein Christsein ohne Warten gibt es nicht. So wie wir Jahr für Jahr auf Weihnachten warten – wie hier das Warten eigentlich nie ein Ende hat – so sind wir auch unser ganzes Leben aufgerufen auf Jesus zu warten. Und auch wenn uns das manchmal schwer fällt, so ist das eigentlich doch eine lohnende Sache

Das Warten ist eine lohnende Sache

Schauen wir auf V. 7 – dort schreibt Jakobus: „So seid nun geduldig, liebe Brüder, bis zum Kommen des Herrn“ – und er fährt dann fort mit einem Vergleich „Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange des Frühregen und Spätregen.“ Das Warten ist dann eine lohnende Sache, wenn man weiß worauf man wartet, wenn man auf ein lohnendes Ziel wartet. Denn was ist der Grund dafür, dass der Bauer so geduldig auf die Ernte warten kann? Ich denke, hier spielen zwei Gründe eine Rolle.

Weihnachten schenkt uns die Gewissheit, dass das Warten belohnt wird

Der erste Grund ist, dass er in seinem Warten echte Gewissheit hat. Er hat diese Gewissheit, dass er nicht vergebens wartet. Er hat diese Gewissheit, dass zu seiner Zeit die Frucht reif sein wird und er die Ernte einbringen kann. Diese Gewissheit, nicht vergeblich zu warten hat er aus einem einfachen Grund. Er hat schon oft erlebt, wie über den Zeitraum von einem Jahr der Regen kommt, die Sonne scheint und manches mehr, so dass am Schluss die Ernte reif sein wird. Er hat es schon erlebt, dass das Warten sich lohnt.

Liebe Geschwister, wenn wir auf Weihnachten schauen – darauf dass Gott seinen Sohn in die Welt gesandt hat – dann sehen wir daran, dass Gott Wort hält. Weihnachten – das wir jedes Jahr auf Neue feiern – ist die Erinnerung daran, dass wir nicht vergebens warten. Weihnachten zeigt uns: die Menschheit hat es schon erlebt, dass Jesus Christus – der Sohn Gottes – in diese Welt kommt. Wir warten also nicht auf etwas noch nie dagewesenes. Wir warten nicht auf irgendetwas hypothetisches, auf irgendein Hirngespinst. Nein, wir warten darauf, dass der, der schon einmal in diese Welt gekommen ist – Jesus Christus – wiederkommen wird.

Weihnachten zeigt, dass wir auf etwas Lohnendes warten

Aber es gibt noch einen zweiten Grund, warum der Bauer so geduldig wartet. Nicht nur, dass er schon erlebt hat, dass das Warten sich lohnt. Nein, er weiß auch ganz genau, was er erwartet. Er denkt nicht: „Wenn ich hier mein Feld immer schön gieße und das Unkraut raußziehe, dann wird da möglicherweise irgendwas wachsen, was sich unter Umständen für irgendwas verwenden lässt.“ Nein, er weiß natürlich genau was er erwartet. Hat er Kartoffeln angebaut, weiß er, dass da Kartoffeln wachsen werden. Hat er Weizen angebaut, weiß er, dass Weizen wachsen wird. Und er weiß auch, was er damit anfangen kann: „Damit kann ich meine Familie versorgen, ich kann es verkaufen, ich kann mit dem Geld mein Lebensunterhalt bestreiten.“

Liebe Geschwister, ganz genauso wissen wir als Nachfolger Jesu doch auch, auf was – besser gesagt auf wen – wir warten. Wir wissen, dass wir unseren Herrn Jesus erwarten. Jesus, der bei seinem ersten Kommen zu Weihnachten in diese Welt kam, um uns aus der tiefsten Verlorenheit zu retten. Wir wissen, dass wir mit Jesus auf den warten, der uns Gott gezeigt hat. Wir wissen, dass wir mit ihm auf jemanden warten, der uns so sehr liebt, dass er sein Leben für uns opferte. Ja, bedenken wir doch, welchen Segen das erste Kommen Jesu für uns bedeutet. Nur weil Jesus vor 2000 Jahren in die Welt kam, haben wir Vergebung der Sünden, ewiges Leben, direkten Zugang zu Gott und sind Kinder Gottes. Wenn schon Jesu erstes Kommen so einen gewaltigen Segen für uns gebracht hat, wieviel größer und gewaltiger wird der Segen für uns sein, wenn er zurückkehrt auf diese Welt? Wenn er seine Kinder zu sich aufnimmt in die himmlische Herrlichkeit?

Das Warten ist eine lohnende Sache, weil wir wissen, worauf wir warten à auf ein wirklich lohnendes, kostbares Ziel. Und das Warten ist auch eine lohnende Sache, weil wir Gewissheit haben, dass der alle seine Verheißungen wahrgemacht und Jesus bereits einmal gesandt hat, auch sein Versprechen einlösen wird, Jesus ein zweites Mal zu senden.

Einander im Warten ermutigen

Ermuntern wir uns auch gegenseitig in unserem Warten. Wie es in V. 10 heißt: „Nehmt, liebe Brüder, zum Vorbild des Leidens und der Geduld die Propheten, die geredet haben in dem Namen des Herrn.“ Denken wir an sie: an einen Jesaja, an einen Jeremia, an die vielen anderen. Sie haben Dinge verkündet, deren Verwirklichung sie nie gesehen haben. Sie wurden ausgelacht, verhöhnt, verprügelt – aber sie haben durchgehalten. Denn sie wussten: Das Warten ist eine lohnende Sache. Ihr Vorbild kann uns ermuntern, treu zu warten. Und wir sind aufgefordert uns auch gegenseitig ans Warten zu erinnern. Wir können die Aussicht auf das worauf wir warten einander immer wieder vor Augen malen. Wir können einander auch mal korrigieren und sagen: „Ich glaub du hast das Ziel ein wenig aus dem Blick verloren..!“ Bleiben wir dran! Seien wir eine wartende Gemeinde! Denn das Warten ist eine lohnende Sache!

Das Warten wird belohnt

Schauen wir auf V. 11: „Siehe, wir preisen selig, die erduldet haben. Von der Geduld Hiobs habt ihr gehört und habt gesehen, zu welchem Ende es der Herr geführt hat; denn der Herr ist barmherzig und ein Erbarmer.“ Hier wird folgendes deutlich: Unser Warten hat nicht nur irgendwie ein Ende – es gibt ja diesen Spruch „Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende.“ Nein, unser Warten hat nicht nur irgendein Ende, es hat ein sehr sehr gutes Ende. Unser Warten wird eines Tages belohnt.

Das Beispiel des Hiob

Jakobus erinnert an Hiob. Er musste durch größtes, unvorstellbares Leid hindurchgehen. Er verlor nicht nur seinen Besitz. Er verlor auch seine Familie und seine Gesundheit. Und doch heißt es am Schluss dieses langen Buches Hiob – in den 42 Kapiteln wird ja fast nur sein Leiden geschildert. Und doch heißt es am Schluss dort: „Und der HERR wandte das Geschick Hiobs, als er für seine Freunde Fürbitte tat. Und der HERR gab Hiob doppelt soviel, wie er gehabt hatte.” (Hiob 42,10) Hiob bekam alles zurück, was er verloren hatte, er bekam es doppelt zurück. Auch mit einer Familie, mit Kindern wurde er nochmal beschenkt. Sein Warten, sein Ausharren wurde belohnt.

Die Verheißung der Krone der Gerechtigkeit

Auch unser Warten wird eines Tages belohnt werden. Schauen wir nur auf das, was Paulus erwartete – kurz bevor er sterben sollte. Er schreibt: 6 Denn ich werde schon geopfert – damit meint er seinen gewaltsamen Tod um des Glaubens willen – und die Zeit meines Hinscheidens ist gekommen.  7 Ich habe den guten Kampf gekämpft, ich habe den Lauf vollendet, ich habe Glauben gehalten;  8 hinfort liegt für mich bereit die Krone der Gerechtigkeit, die mir der Herr, der gerechte Richter, an jenem Tag geben wird, nicht aber mir allein, sondern auch allen, die seine Erscheinung lieb haben.“ (2Tim 4,6-8) Es gibt eine Belohnung! Paulus nennt sie die Krone der Gerechtigkeit. Und es gibt diese Belohnung nicht nur für wenige ausgewählte – wie Apostel z.B. – nein es gibt sie für alle, “die seine Erscheinung – d.h. das Kommen Jesu – liebhaben/ersehnen” Auch für dich und mich als Nachfolger Jesu gibt es diese Belohnung. Auch unser treues Warten wird einmal enden – und dann belohnt werden.

Ja, heute ist schon der zweite Weihnachtsfeiertag, der eine oder andere wird morgen schon wieder arbeiten müssen und früher oder später wird der Alltag wieder einkehren. Und trotzdem: noch ist Weihnachtszeit. Und die Weihnachtszeit ist eine super Gelegenheit, sich daran zu erinnern, dass das Warten weiter geht. Es ist nicht vorbei mit diesen wenigen Festtagen, auf die alles – unsere ganzen Vorbereitungen, der Stress im Vorfeld – zuzulaufen scheint. Ich wünsche euch, dass ihr euch heute oder die nächsten Tage noch mal Zeit nehmen könnt für dieses Fest. Man kann die Kerzen am Weihnachtsbaum nochmal anzünden, sich in Ruhe hinsetzen, das wunderbar dekorierte Wohnzimmer auf sich wirken lassen, diese Zeit genießen. Und sich dann aber auch klarmachen. Dieses Fest mit seinen ganzen wunderbaren Seiten ist nicht der Endpunkt unseres Wartens, es ist nicht das Ziel unserer Sehnsüchte. Das Warten geht weiter. Wir warten auf die Wiederkunft unseres Herrn Jesus Christus. Wir warten auf den neuen Himmel und die neue Erde. Wir warten darauf, dass er uns zu sich nehmen wird – in die himmlische Herrlichkeit, wo es kein Leid, kein Schmerz, sondern nur noch Freude und Jubel geben wird. Frohe Weihnachten!

Vom Tragen des Kreuzes

Über Jesu Aufforderung, sich selbst zu verleugnen und sein Kreuz auf sich zu nehmen (Mt 16,24), schreibt Calvin:

„Denn wen der Herr zum Kind angenommen und der Gemeinschaft mit den Seinen gewürdigt hat, der muss sich auf ein hartes, mühseliges, unruhiges Leben gefasst machen (…). So ist es der Wille des himmlischen Vaters, die Seinigen auf diese Weise zu üben, damit er gewisslich erprobt, wie es mit ihnen steht. Bei Christus, seinem eingeborenen Sohne, hat er den Anfang gemacht, und gegenüber allen seinen Kindern folgt er der gleichen Ordnung. Denn Christus war zwar Gottes Sohn, den er mehr als alle anderen liebte (Mt 3,17, 17,5) und auf dem das Wohlgefallen des Vaters ruhte; und doch sehen wir, wie er so gar nicht nachsichtig oder weichlich behandelt worden ist; man kann deshalb wirklich sagen, dass er nicht nur während seines ganzen Erdenwandelns mit beständigem Kreuz geplagt worden ist, sondern dass sein ganzes Leben nichts war als das Bild solchen beständigen Kreuzes. Der Apostel zeigt uns die Ursache dafür: Er musste „an dem, was er litt“, Gehorsam lernen! (Hebr 5,8).

Weshalb sollen wir nun uns von diesem Geschick ausnehmen, das doch Christus, unser Haupt, auf sich nehmen musste – besonders, wo er das doch um unsertwillen getan hat, um uns an sich selber ein Beispiel der Geduld vor Augen zu stellen? Deshalb lehrt auch der Apostel, dass allen Kindern Gottes das Ziel gesetzt ist, Christus gleichgestaltet zu werden (Röm 8,29). Daraus ergibt sich für uns ein herrlicher Trost: Ergeht es uns hart und rauh und wir meinen, darin Unglück und Böses zu erleben, so haben (in Wirklichkeit) Anteil an Christi Leiden. (…) Wie sehr kann es zur Linderung aller Bitterkeit des Kreuzes dienen, dass wir, je mehr uns Unglück anficht, auch eine desto gewissere Bekräftigung unserer Gemeinschaft mit Christus erlangen!“

Johannes Calvin, Institutio III, 8,1.

Sind Zweifel etwas Gutes oder Teuflisches?

Was Zweifel angeht – und damit meine ich in diesem Beitrag nicht Selbstzweifel oder ähnliches, sondern Glaubenszweifel – so begegnen mir immer wieder zwei Extreme. Da sind die einen – besonders unter sogenannten Postevangelikalen  zu finden – die den Zweifel glorifizieren. Zweifel gehören nach dieser Sicht fest zum Glauben dazu. Ja, dem der keine Zweifel erlebt, wird sogar unterstellt, dass er einen verstaubten und letztendlich toten Glauben hat. Denn es seien angeblich die Zweifel, die den Glauben erst lebendig machten. Manchmal scheint es gar so, als seien Zweifel der Glauben selbst…

Dann gibt es die andere Fraktion: Diejenigen, die jeden Zweifel verteufeln. Nach dieser Sicht darf es Zweifel eigentlich gar nicht geben. Und so werden sie geleugnet und man darf auf gar keinen Fall über sie sprechen.

Zweifel sollen überwunden werden

Beide Extreme halte ich für falsch. Zur ersten Sicht ist zu sagen, dass Jesus stets das feste Vertrauen auf ihn lobt, niemals den Zweifel. (Z.B. in Bezug auf den Hauptmann von Kapernaum: Wahrlich, ich sage euch: Solchen Glauben habe ich in Israel bei keinem gefunden!“ (Mt 8,10)) Zweifel an sich sind kein Wert. Nein, sie sollen überwunden werden und dem festen Glauben weichen. So schreibt Paulus z.B.: Tut alles ohne Murren und ohne Zweifel15 damit ihr ohne Tadel und lauter seid, Gottes Kinder, ohne Makel mitten unter einem verdorbenen und verkehrten Geschlecht, unter dem ihr scheint als Lichter in der Welt,  16 dadurch daß ihr festhaltet am Wort des Lebens, mir zum Ruhm an dem Tage Christi, so daß ich nicht vergeblich gelaufen bin noch vergeblich gearbeitet habe.“ (Phil 2,14-16)

Bei der zweiten Sicht ist problematisch, dass man gar nicht lernt, mit Zweifeln umzugehen. Durch bloßes Leugnen und Verdrängen verschwinden Zweifel ja nicht einfach. Es kann sogar sein, dass Menschen sich in einer so Umgebung nicht ernst genommen fühlen, und sich darum von christlicher Gemeinschaft und womöglich dem Glauben insgesamt abwenden. Eine Entwicklung, die man sich nun wirklich nicht wünschen kann.

Wie beurteilen wir also Zweifel? Nun, erstens halten wir fest: Zweifel sind einfach da. Sie gehören zum Menschsein und zu unserem diesseitigen Leben. Noch wandeln wir eben „im Glauben und nicht im Schauen“ (2Kor 5,7). Zweitens: wir wollen Zweifel weder leugnen, noch uns in ihnen suhlen. Und drittens, das wichtigste: Wir wollen uns mit unseren Zweifeln auseinandersetzen, mit dem Ziel sie zu überwinden und im Vertrauen auf Jesus Christus und das Evangelium zu wachsen.

Welches Ziel Zweifel haben können

Im letzten Gedanken ist schon angedeutet, dass Zweifel unterschiedliche Ziele haben können. Ich möchte die beiden entgegengesetzten Möglichkeiten an dieser Stelle noch mal explizit deutlich machen.

Zweifel können uns weiterführen

Zweifel können uns weiterführen, wenn sie mit der Hoffnung auf Widerlegung verbunden sind. In so einem Fall wünsche ich mir, dass mir jemand hilft, meine Zweifel auszuräumen. Ich habe das z.B. schon öfter erlebt, dass Schüler im Religionsunterricht mit heftiger Bibelkritik konfrontiert werden. Der Lehrer begründet seine Sicht mit vielen Worten und Argumenten, so dass das erst einmal sehr plausibel erscheint und dieser christliche Schüler dem nichts entgegenzusetzen weiß. Er merkt, wie ihn die Thesen seines Lehrers angreifen und seinen Glauben in Frage stellen. Gleichzeitig hat er diesen tiefen Wunsch, gute Argumente zu finden, die seinen Glauben und sein Vertrauen auf die Schrift stützen. Ein Schüler beginnt also zu zweifeln, ist aber erfüllt von einer ganz großen Hoffnung auf Widerlegung dieser Zweifel. Wenn ich so jemandem dann ein paar Argumente und Gedanken mitgeben kann, die diese Zweifel ausräumen, erlebe ich nicht nur Dankbarkeit. Ich erlebe auch, dass das Vertrauen auf Jesus und das Wort Gottes zunimmt. In so einem Fall haben die Zweifel jemanden weitergeführt. Ein biblisches Beispiel für so einen Fall könnte die Geschichte vom Jünger Thomas sein (vgl. Joh 20,25-28).

Zweifel können in die Hoffnungslosigkeit führen

Zweifel können aber auch in die Irre führen. Und zwar dann, wenn der Zweifelnde gar nicht erwartet, dass seine Zweifel ausgeräumt werden können. Statt auf Widerlegung zu hoffen, ist er eigentlich in Hoffnungslosigkeit versunken. In so einem Fall können Zweifel gar zur Verzweifelung führen.

Die Frage, die ich mir in meinem Zweifel also stellen muss, ist die folgende: Was wünsche ich mir jetzt? Hoffe ich darauf, dass meine Zweifel beseitigt werden? Oder wünsche ich mir eher, dass meine Zweifel bestätigt werden und ich mich weiter an ihnen ergötzen kann? Welche Haltung steht hinter meinen Zweifeln?

Was für Zweifel gibt es?

Es gibt unterschiedliche Arten und Gründe für Zweifel:

Intellektuelle Zweifel

Hier gehören Themen hin, wie z.B.: Wie ist das mit Schöpfung und Evolution? Kann ich der Bibel vertrauen, die hier anderes sagt, als ich im Biologieunterricht lerne? Was ist mit den vermeintlichen Widersprüchen innerhalb der Bibel? Wie sieht das mit Wundern aus? Mit der Jungfrauengeburt? Mit der Auferstehung Jesu usw..?

Zweifel ausgelöst durch Leid und Schwierigkeiten

Zweifel können auch durch bestimmte Erlebnisse entstehen: „Warum passiert mir so etwas?“ „Ist Gott eigentlich noch da oder warum ist mir so etwas Schlimmes zugestoßen?“ Leid und andere Schwierigkeiten können dazu führen, dass wir an der Liebe Gottes, an seiner Gegenwart, an der Gültigkeit seiner Zusagen oder gar an seiner Existenz zweifeln. Ein biblisches Beispiel wäre hier Ps 73.

Zweifel verursacht durch enttäuschte – aber falsche – Glaubensvorstellungen

Mancher beginnt auch zu zweifeln, weil das Leben als Glaubender doch nicht so ist, wie vorgestellt: „Ich spüre Gott nicht (mehr).“ „Er hat mein Gebet einfach nicht erhört!“ In diesem Fall sind allerdings falsche Erwartungen die Ursache dieser Enttäuschungen. Wenn ich z.B. erwarte, dass Gott jeden Wunsch erfüllt, sollte ich nur kräftig und häufig genug dafür beten, ist es kein Wunder wenn es zu Enttäuschungen und schließlich zu Zweifeln kommt. Denn das hat Gott niemals verheißen.

Zweifel an der Güte Gottes

In diesem Fall zweifeln wir daran, dass Gottes Gebote wirklich gut für uns sind. Nach meiner Einschätzung ist diese Art des Zweifels sehr weit verbreitet. Wir fragen uns – auch wenn wir das vielleicht nicht so offen sagen würden: Sind Gottes Gebote auch dann wirklich gut für mich, wenn sie gegen meinen Verstand sprechen oder sich gegen das stellen, was alle für richtig halten? Ich will es mit ein paar Beispiele verdeutlichen: „Ist es wirklich gut für mich, ein Teil meines Geldes für das Reich Gottes zu spenden, wie Gottes Wort es sagt? Werde ich dann nicht selbst zu kurz kommen und für mich nicht sorgen können?“ Oder: „Bin ich nicht eigentlich der Dumme, wenn ich immer ehrlich bin, wie Gottes Wort es sagt – auch dann, wenn ich mich dadurch selbst in ein schlechtes Licht rücke?“ Oder: „Entgeht mir nicht doch unheimlich viel, wenn ich auf Sex vor der Ehe verzichte, wie Gott es will?“

Bei allen diesen Dingen – und man könnte die Liste beliebig verlängern – zweifeln wir daran, dass Gottes Gebote für uns wirklich gut sind. Wir zweifeln letztendlich daran, dass Gott es wirklich gut mit uns meint. Immer also wenn wir gegen Gottes Gebot handeln, ist letztendlich der Zweifel an Gott, das mangelnde Vertrauen die Ursache.

Zweifel aufgrund der Weigerung, sich Gott unterzuordnen

Manchmal werden Zweifel – besonders gerne die intellektuellen – auch vorgeschoben. Da merkt jemand: „Wenn ich den Weg des Glaubens gehe, verliere ich die Autonomie, weil ein anderer – Jesus – der Herr über mein Leben sein möchte. Das will ich aber gar nicht!!!“ Und deswegen werden Zweifel als Ausflüchte gesucht. Ist ein Zweifel ausgeräumt, wird geschwind der nächste präsentiert. Man muss ehrlich sein: Hier geht es weniger um Zweifel an sich, sondern hier steht Unglaube und Rebellion gegen Gott im Hintergrund. Eine ganz ernste Sache, in der sich jeder ehrlich prüfen sollte.

Wie können wir mit diesen Zweifeln umgehen?

Entscheidend ist ja nun, wie man mit diesen unterschiedlichen Zweifeln so umgehen kann, dass sie uns weiterführen. Ein paar kurze Überlegungen:

Intellektuelle Zweifel

Das beste Gegenmittel zu intellektuellen Zweifeln ist Apologetik, also die Verteidigung des Glaubens mit für den menschlichen Verstand nachvollziehbaren Argumenten. Ich möchte hier zu bedenken geben, dass es bei uns manchmal ein ungesundes Ungleichgewicht gibt: Auf der einen Seite werden wir mit relativ anspruchsvollen Argumenten gegen Glauben und Bibel konfrontiert, kennen aber auf der anderen Seite nur Argumente auf „Kindergottesdienst-Niveau“, die unseren Glauben stützen. Dieses Ungleichgewicht muss beseitigt werden und es kann beseitigt werden. Denn es gibt wirklich sehr gute Argumente für den Glauben – und auch für die wirklich harten Fragen. Wir müssen und also auch vor den schwierigen Fragen nicht fürchten. Nein, wir sollten sie angehen, uns informieren, Bücher besorgen etc. Zugespitzt formuliert: wenn wir in diesem Bereich noch Zweifel haben, haben wir wahrscheinlich noch nicht tief genug gegraben.

Zweifel, ausgelöst durch Leid und Schwierigkeiten

Zunächst ist es absolut verständlich, wenn in tiefem Leid auch Zweifel auftauchen. Das sollten wir nicht verurteilen und uns auch nicht verdammen, wenn wir das selbst so erleben. Was können wir dann aber tun?

Zunächst ist am wichtigsten, dass wir unseren Blick fest auf Jesus Christus richten. Schauen wir auf ihn, den guten Hirten. Machen wir uns bewusst, was sein Wesen und seinen Charakter ausmacht. Ja, halten wir bei allen Zweifeln, umso entschlossener an dem fest, was uns gewiss ist: Dass Jesus Christus der Retter ist, der uns mit Gott versöhnt.

Außerdem ist wichtig, dass wir uns durch andere Christen trösten lassen. Bleiben wir also eingebunden in die christliche Gemeinde und stehen wir auch selbst anderen zur Seite.

Zweifel verursacht durch enttäuschte – aber falsche – Glaubensvorstellungen

Diesen Zweifeln können wir sehr gut vorbeugen, indem wir Gott und sein Wort immer besser kennen lernen. Denn je besser wir ihn kennen, desto weniger durch enttäuschte – weil falsche – Glaubensvorstellungen entstandene Zweifel wird es geben.

Wenn wir dann so eine Situation erleben, sollten wir uns einerseits fragen: Hat Gott eigentlich überhaupt verheißen, was ich erwarte und vermisse? Andererseits sollten wir auf das schauen, was Gott tatsächlich verheißen hat. So schreibt Paulus z.B.: „Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit allem geistlichen Segen im Himmel durch Christus.“ (Eph 1,3). Begreifen wir also auch, dass das was Gott uns im Evangelium verheißen und gegeben hat – bei allem was wir irdisch möglicherweise vermissen – doch mehr als genug ist: es ist schließlich „aller geistlicher Segen.“

Zweifel an der Güte Gottes

Wenn ich hier zweifle, muss ich mir in Erinnerung rufen, wer eigentlich Gott ist und wie er von seinem Charakter ist. Er ist doch ein durch und durch guter Gott, ein heiliger Gott, ein liebender Gott. In seinem Wesen ist keine Falschheit, sondern nur Wahrhaftigkeit usw.

Ferner kann ich zurückschauen und mich daran erinnern, was dieser Gott schon alles Gutes für mich getan hat. Und zuletzt schaue ich auf Verse wie Röm 8,32: „Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?“

Es gibt also guten Grund, diesem Gott zu vertrauen und auch seinen Geboten zu folgen, die wir als unverständlich, unvernünftig oder unsympathisch empfinden. Und das ist dann auch dran: Dass ich mutig einen Schritt des Glaubens gehe und Gottes Wort folge und dann die Erfahrung mache, wie richtig es war, auch hier Gottes Wort zu folgen!

Zweifel aufgrund der Weigerung, sich Gott unterzuordnen

Wenn ich diese ganz ernste Haltung bei mir erkennen sollte, dann bleibt mir nur, von Herzen Buße zu tun, Gott um Vergebung dieser Schuld zu bitten (ich habe gegen Gott rebelliert) und Jesus als meinen Herrn anzuerkennen.

Zum Schluss möchte ich nochmal daran erinnern, dass Zweifel das Potenzial haben uns weiterzuführen im Glauben. Wir sollten unsere Zweifel darum weder leugnen, noch uns in ihnen suhlen, sondern uns aktiv mit ihnen auseinandersetzen. Jesus wünscht sich, dass wir die Zweifel überwinden und unser Glaube immer fester wird.