Das Herz des Evangeliums

Warum ist die Lehre, dass Jesus Christus stellvertretend starb so zentral und unaufgebbar für den christlichen Glauben? Greg Gilbert erklärt:

„Leider ist diese Lehre vom stellvertretenden Opfer vermutlich der Teil des christlichen Evangeliums, den die Welt am meisten hasst. Die Menschen empört der Gedanke, dass Jesus für die Sünde eines anderen bestraft wurde. Mehr als ein Autor hat dies „göttliche Kindesmisshandlung“ genannt. Und doch: Wenn wir das stellvertretende Opfer ablehnen, schneiden wir dem Evangelium das Herz heraus. Zwar gibt es in der Heiligen Schrift viele Bilder für das, was Christus mit seinem Tod bewirkt hat: Er gab uns ein Vorbild, schaffte Versöhnung und brachte den Sieg, um nur drei zu nennen. Doch unter all dem liegt die Realität, auf die all die anderen Bilder hinweisen: das stellvertretende Opfer. Das kann man nicht einfach auslassen – noch nicht einmal zugunsten anderer Bilder verharmlosen -, sonst übersät man die Landschaft der Heiligen Schrift mit unbeantworteten Fragen. Warum die Opfer? Was bewirkte dieses Blutvergießen? Wie kann Gott Sündern gnädig sein, ohne die Gerechtigkeit zunichte zu machen? Was kann es bedeuten, dass Gott Ungerechtigkeit und Übertretungen und Sünde vergibt und doch auf keinen Fall die Schuldigen ungestraft lässt (s. 2Mose 34,7)? Wie kann ein gerechter und heiliger Gott die Gottlosen rechtfertigen (s. Röm 4,5)?

Die Antwort auf alle diese Fragen findet sich am Kreuz von Golgatha, in Jesu stellvertretendem Tod für die Seinen. Ein gerechter und heiliger Gott kann die Gottlosen rechtfertigen, weil durch Jesu Tod Gnade und Gerechtigkeit miteinander ausgesöhnt wurden. Der Fluch wurde rechtmäßig vollzogen und wir wurden gnädig gerettet.“

Greg Gilbert, Was ist das Evangelium?, Waldems: 3L, 2011, 83f.

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Wer bist du?

Als Jakob sich an der Furt des Jabbok befindet, wird er plötzlich von einem Mann angegriffen. Ein nächtlicher, langer und ausgeglichener Kampf folgt. Erst durch einen plötzlichen „Schlag“ wird der Kampf entschieden. Doch auch dann sind noch nicht alle Besonderheiten in dieser Geschichte vorbei. Denn der Angreifer fragt Jakob schließlich nach seinem Namen: „Wie heißt du?“ (V. 28)

Nun, sicherlich fragt der Angreifer hier nicht, weil er Jakobs Namen nicht wüsste. Nein, seine Frage hat einen anderen Grund und der wird deutlich, wenn wir gucken, wie es weitergeht. Denn der Angreifer antwortet auf Jakobs Namensnennung wie folgt: „Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel; denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und hast gewonnen.“ (V. 29)

Jakob bekommt einen neuen Namen. Und darum sollte er seinen alten Namen, Jakob, nennen. Denn mit seiner Namensnennung muss Jakob seine Identität, seine Natur, sein ganzes bisheriges Leben bekennen. Seine Name steht – wie in der Bibel üblich – für seine ganze Person, seinen Charakter, für das, was ihn ausmacht. Jakob bekennt in diesem Moment „Ja, ich bin dieser Jakob, ja, ich bin dieser Fersenhalter, dieser Betrüger – ja, ich bin derjenige, der Bruder und Vater betrogen hat.“ „Er heißt mit Recht Jakob, denn er hat mich nun zweimal überlistet“, (1Mose 27,36) so sagte es Esau einmal. Für alles das steht Jakobs alter Name. Für sein altes Leben mit allen diesen Schattenseiten. In diesem Moment wo Jakob sagt: „Ich heiße Jakob“, bekennt er auch „Das alles bin ich, das alles gehört zu meiner Vergangenheit.“

Wer bist du? Was ist dein Name?

Nun, ich meine nicht einfach Erika oder Fritz oder welchen Namen auch immer deine Eltern dir gegeben haben. Nein, ich meine vielmehr: Was macht dich als Person aus, was macht deinen Charakter aus? Was ist deine Vergangenheit? Was sind deine Schwächen, was ist deine Schuld, in welchen Bereichen bist du von deiner ganzen Art her anders als Gott sich das vorstellt?

Keine angenehme, aber eine wichtige Frage! Nimm dir Zeit, mal darüber nachzudenken. Und vielleicht nützt es dir auch, meine ganze Predigt – von der das eben ein Auszug war – zum Thema „Gefestigter Glaube – oder: wie Gott Jakob einen neuen Namen gibt“ über 1Mose 32,23-33 hier nachzuhören.

Als Adam und Eva von der verbotenen Frucht aßen

Was geschah eigentlich damals beim Sündenfall, als Adam und Eva von der verbotenen Frucht aßen? Greg Gilbert erklärt:

„Als Adam und Eva in die Frucht bissen, verletzten sie damit nicht nur irgendeinen willkürlichen Befehl – „Esst die Frucht nicht.“ Sie taten etwas viel Traurigeres und Schwerwiegenderes. Sie lehnten Gottes Autorität über sie ab und erklärten ihre Unabhängigkeit von ihm. Adam und Eva wollten, so wie die Schlange ihnen versprochen hatte, „wie Gott“ sein. Darum ergriffen beide die vermeintliche Gelegenheit, sich von der Vizeherrschaft zu befreien und sich selbst die Krone aufzusetzen. Im ganzen Universum gab es nur eines, das Gott Adam nicht unter die Füße gelegt hatt – Gott selbst. Doch Adam war dieses Arrangement nicht gut genug, also rebellierte er.

Das Schlimmste daran ist aber, dass Adam und Eva mit ihrem Ungehorsam gegen Gottes Gebot die bewusste Entscheidung trafen, ihn als ihren König abzulehnen. Sie wussten, wie die Konsequenzen aussehen würden, wenn sie ihm ungehorsam waren. Gott hatte ihnen klar und deutlich gesagt, dass sie, wenn sie von der Frucht äßen, „gewisslich sterben“ würden. Das bedeutete vor allem, dass sie aus Gottes Gegenwart vertrieben und zu seinen Feinden würden, statt seine Freunde und frohen Unternaten zu sein. Doch das war ihnen egal. Adam und Eva tauschten das Wohlwollen Gottes gegen das Streben nach ihrem eigenen Vergnügen und Ruhm ein.

Die Bibel nennt diesen Ungehorsam gegen Gottes Gebote – ob in Worten, Gedanken oder Taten – „Sünde“. Im wörtlichen Sinn bedeutet dieses Wort „Zielverfehlung“, doch die biblische Bedeutung von Sünde greift viel tiefer. Es ist nicht so, als hätten Adam und Eva sich sehr angestrengt, Gottes Gebot zu halten, und nur um ein paar Millimeter am Schwarzen vorbeigeschossen. Nein, Tatsache ist, dass sie in die entgegengesetzte Richtung schossen! Sie hatten Ziele und Wünsche, die dem kategorisch entgegenstanden, was Gott sich für sie wünschte, und so sündigten sie. Vorsätzlich verletzten sie Gottes Gebot, zerstörten ihre Beziehung mit ihm und lehnten ihn als ihren rechtmäßigen Herrn ab.“

Greg Gilbert, Was ist das Evangelium?, Waldems: 3L, 2011, 58f.

Tripp: Werkzeuge in Gottes Hand

Seelsorgebücher gibt es viele. Ein hervorragendes, einführendes Buch in die Thematik – geschrieben für jedermann – möchte ich im Folgenden vorstellen: Paul David Tripp, Werkzeuge in Gottes Hand: Biblische Seelsorge in der Gemeinde, Waldems: 3L

Das zentrale Anliegen des Autors ist es, in diesem Buch zu zeigen, dass „Gott Menschen, die selbst Veränderung brauchen, im Leben anderer als Werkzeuge der Veränderung gebraucht.“ (7). Tripp wendet sich gegen die Ansicht, die christliche Gemeinde nur als eine Organisation zu sehen, in denen die Mitglieder weitgehend passive Konsumenten bleiben. Grundlegend ist für ihn die Erkenntnis, dass Gott für unsere Heiligung alle zu jeder Zeit gebrauchen will. In diesen Grundgedanken ordnet Tripp auch sein Seelsorgekonzept ein.

Das Buch gliedert sich in drei große Teile: Die Kapitel 1-6 beschäftigen sich mit den theologischen Grundlagen. In Kapitel 7-14 widmet sich der Autor den vier Aspekten seines Seelsorgekonzeptes (Lieben – Kennen – Sprechen – Tun) jeweils für zwei Kapitel. Den letzten Teil bildet ein umfangreicher Anhang, in dem praktische Fragen behandelt werden.

Grundlage einer biblischen Seelsorge ist für Tripp die Botschaft des Evangeliums (11-17). Auch in der Seelsorge muss es diese Botschaft sein, die an andere Menschen weitergegeben wird. Nur durch diese Botschaft kann der Mensch wirkliche Hilfe erfahren: „Deshalb dürfen wir nie eine Botschaft anbieten, die nicht die gute Nachricht ist. Wir dürfen unseren Mitmenschen kein System anbieten, sondern wir müssen sie zu einer Person, zum Erlöser, hinführen. Nur er ist die Hoffnung.“ (19). Dass es einer übernatürlichen, göttlichen Hilfe bedarf, unterstreicht Tripp indem er die gravierenden, zerstörerischen Auswirkungen der Sünde auf den Menschen beschreibt: Rebellion (letztendlich gegen Gott), Torheit und die Unfähigkeit, Gottes Willen zu tun. Tripp schlussfolgert: „Die Sünde macht uns zu moralisch Querschnittsgelähmten. (…) Wir brauchen Rettung, Heilung und Vergebung. (…) Wir brauchen Gott.“ (26).

Seelsorge zu erfahren, heißt für Tripp sich in der Hand des Erlösers Jesus Christus zu befinden. Seelsorge zu geben, bedeutet für den Autor vor allen Dingen, den Mitmenschen Gottes Wort zu bringen (31). So wie hier ist dem Autor im ganzen Buch das stete Bemühen anzumerken, jeden Aspekt seines Seelsorgekonzeptes im Wort Gottes zu gründen. Diese Betonung von Gottes Wort ist sehr zu begrüßen, wenn auch leider eine Auseinandersetzung mit den vielen anderen Seelsorgekonzepten, die das nicht oder nur unzureichend tun, unterbleibt.

Wie aber wird nun das Wort Gottes in der Seelsorge angewendet? Tripp weist richtigerweise darauf hin, dass die Bibel nicht als bloßes Nachschlagewerk benutzt werden sollte, sondern in dem man die Heilsgeschichte Gottes erzählt und die Bibel als zusammenhängendes Ganzes versteht: „Diese übergreifende Geschichte zeigt, dass das urmenschliche Problem tiefer geht als unsere Alltagssünden, die Verursacher unserer Alltagsprobleme, die unser Leben so kompliziert machen. Unser größtes Problem ist es, dass wir unsere Identität außerhalb der Erlösungsgeschichte suchen (37). Tripp macht hier m.E. auf ganz entscheidende hermeneutische Prinzipien aufmerksam, damit die Bibel wirklich recht gebraucht wird!

Dass Menschen nicht unabhängig sind, sondern wirklich Hilfe brauchen, legt Tripp in Kapitel 3 dar. Anhand von 1Mose 1-3 zeigt er, dass Gott den Menschen mit Kommunikationsfähigkeiten, mit der Fähigkeit zum Denken und als Anbeter geschaffen hat. Tripp schlussfolgert: „Menschen brauchen eine Wahrheit von außerhalb, damit sie ihrem Leben einen Sinn geben können. Wir brauchen die Perspektive Gottes. (55). Hören wir nicht auf Gottes Wort, ist nach Tripp die einzige Alternative, dass wir einem anderen „Seelsorger“ folgen, der Schlange aus 1Mose 3.

Ansatzpunkt biblischer Seelsorge muss nach Tripp immer das Herz, d.h. der innere Mensch als der Kern unserer Persönlichkeit sein (69). Aus Lk 6,43-45 leitet der Autor drei wichtige Erkenntnisse ab. Er stellt erstens fest, dass es „eine eindeutige Verbindung zwischen Wurzel und Frucht, zwischen unserem Herzen und unserem Verhalten“ (75) gibt. Menschen handeln entsprechend dem, was in ihrem Herzen ist. Deshalb kann es grundlegende Veränderung nur geben, wenn sich das Herz verändert (75). Aus diesem Grund muss biblische Seelsorge auf das Herz abzielen (75).  Wenn der Mensch nun falsch handelt ist die Ursache, dass er einen Götzen in seinem Herzen hat: „Ein Götze im Herzen ist alles, was in meinem Leben die beherrschende Stellung einnimmt, die eigentlich Gott haben sollte.“ (76). Biblische Seelsorge ist darum ein Kampf um das Herz (81). Einerseits wird das menschliche Herz von Götzen erobert, indem sich oftmals legitime Wünsche in uns schnell zu Forderungen, Bedürfnisse und Erwartungen verwandeln (95-97). Andererseits gilt es in der biblische Seelsorge neben dieser „Alltagswirklichkeit des Kriegs um das Herz“ (103), auch die Wirklichkeit unserer „Identität als Kind Gottes und der Kraftquellen“, (103) die damit verbunden sind, im Blick zu behalten. Dann kann uns geholfen und der Krieg um das Herz gewonnen werden.

Man kann Tripp dankbar sein, dass er auf über 100 Seiten diese wichtigen theologischen Grundlagen für die Seelsorge so gründlich und gut nachvollziehbar herausarbeitet. Da es auf diesem Gebiet große Unkenntnis gibt, ist unbedingt nötig, dass Christen – und gerade Menschen, die anderen helfen wollen – diese grundlegendende Dinge klar erklärt bekommen: was das Evangelium ist, was die Sünde mit dem Menschen macht, wie das menschliche Herz funktioniert etc. Dieser Hauptteil ist aus meiner Sicht der stärkste Teil im Buch und macht schon alleine dieser Werk zu einer lesenswerten Lektüre.

Im nächsten Hauptteil erklärt Tripp nun vier Elemente des „biblischen Dienstes von Mensch zu Mensch“. Er betont, dass sich der „Seelsorger“ bei allem als ein Botschafter Christi verstehen soll: Er muss seine Botschaft weitergeben, er soll seine Methoden verwenden, er soll seinen Charakter widerspiegeln (119f). Die vier Elemente des „biblischen Dienstes von Mensch zu Mensch“ Lieben, Kennen, Sprechen, Tun sollen dazu eine Hilfe sein.

Den Nächsten zu lieben ist –wie zu erwarten war – auch für Tripp die Basis für den „Dienst von Mensch zu Mensch“. Dabei ist Gottes Beziehungsaufbau zu uns Menschen (Rechtfertigung und Adoption vor Heiligung) für Tripp Begründung und Vorbild dafür, wie wir „erlösende Beziehungen“ zu anderen Menschen aufbauen sollen: „Auch als Botschafter Christi müssen wir den Anfang machen, indem wir Beziehungen der Liebe, der Gnade und des Vertrauens zu anderen Menschen aufbauen.“ (134). Wie kann man nun solche „erlösenden Beziehungen“ aufbauen? Man soll a) „in die Welt des anderen eintreten“. Tripp betont, dass es hier entscheidend ist, sich auf die Person des anderen zu konzentrieren und nicht auf die Situation oder die Probleme (138-143). Des Weiteren geht es b) darum, „die Liebe Christi zu verkörpern“, also um die Herausforderung nicht nur „die Wahrheit zu sagen, sondern auch, deren echte, lebendige Veranschaulichung aus Fleisch und Blut zu sein.“ (147). Ferner ist der biblische Seelsorger gefordert c) „mit dem Leid des Anderen mitzuempfinden“. Er soll sich mit dem leidenden Menschen identifizieren, sich nicht über ihn stellen, sondern sich in Demut bewusst sein, dass beide eine gemeinsame Identität in Christus haben. (159-160). Schließlich soll er d) „den Anderen mit Gottes Augen sehen“, d.h. ihm mit derselben Akzeptanz zu begegnen, die er selbst von Gott empfangen hat (174).

Das zweite Element, den Anderen wirklich zu kennen, ist deshalb von so großer Bedeutung, da unser menschliches Zusammenleben häufig von großer Oberflächlichkeit geprägt ist (180). Genau wie Christus Mensch geworden ist, um unser menschliches Leben kennenzulernen, so muss auch der Seelsorger viel Mühe darauf verwenden, den anderen wirklich kennenzulernen. Vermutungen und Unterstellungen sind deshalb so problematisch, weil wir zwar oft ähnliche aber doch nicht identische Erfahrungen machen (186). Entscheidend ist nach Tripp darum, gute Fragen zu stellen (Was?, Wie?, Warum?, Wie oft/Wo?, Wann?) (195). Anschließend geht es darum, diese gewonnen Informationen sinnvoll nach biblischen Kriterien zu organisieren. Dazu schlägt Tripp die Einordung in die vier Kategorien Situation, Reaktion, Gedanken und Motive vor (206). Die in diesem Abschnitt genannten konkreten Fragen und die Vorschläge, wie man die Informationen verarbeitet, erscheinen mir sehr praxistauglich und hilfreich.

Im dritten Element „Sprechen“ geht es Tripp um Zurechtweisung bzw. Konfrontation mit der Wahrheit, damit sich etwas ändert (219). Da die meisten Menschen nichts Positives mit „Zurechtweisung“ verbinden, arbeitet Tripp zunächst ausführlich heraus, warum Zurechtweisung nötig ist und wie sie aussehen soll. Diese grundlegenden Ausführungen des Autors zu diesem unpopulären Thema in diesem Abschnitt sind – gerade in der heutigen Zeit – sehr lesenswert! Besonders aufrüttelnd ist Tripps Erklärung, warum die Konfrontation mit der Wahrheit häufig unterlassen wird. Tripp macht deutlich, dass wir eher subtile und passive (z.B. nachtragend sein) oder sogar aktivere Formen des Hasses (z.B. üble Nachrede, Rache) zulassen, statt auf gottgemäße Art mit der Sünde umzugehen, und den anderen mit der Wahrheit konfrontieren (225-228). Die Konfrontation mit der Wahrheit zu unterlassen, ist also gerade kein Zeichen der Liebe – wie man sich oft einredet – sondern ein Zeichen des Hasses. Tripp mahnt außerdem an, dass auch bei der Zurechtweisung das Evangelium nicht „draußen“ bleiben dürfe, vielmehr müssen beide Pole Trost/Rechtfertigung und Aufforderung/Heiligung betont werden: „Jeder Mensch braucht beide Seiten des Evangeliums, und zwar ständig! (239). Für die konkrete Umsetzung empfiehlt Tripp vier Schritte: a) Nachdenken – hier soll dem Anderen am besten durch Fragen geholfen werden, zu einem neuem Verständnis über sich selbst, Gott, andere oder das Leben zu kommen. b) Sündenbekenntnis – auch wenn es schwierig ist, soll es dem anderen nicht abgenommen werden oder abgeschwächt werden. c) Verpflichtung – als biblische Seelsorger müssen wir auch den Ruf Gottes nach konkreten Verpflichtungen deutlich aussprechen. d) Veränderung – hier geht es darum neue Gewohnheiten zu erlernen. So stark die grundlegenden Ausführungen in diesem Kapitel sind, so schwach sind auf der anderen Seite die Vorschläge für die praktische Umsetzung. Außer zu Punkt a) Nachdenken, bleibt Tripp weitgehend im Ungefähren. Es bleibt unklar, wie ich als Seelsorger den Anderen denn nun konkret bei den wichtigen – aber so schwierigen Dingen – wie Sündenbekenntnis, Verpflichtung und Veränderung anleite.

Als letztes Kernelement versteht Tripp das Tun: „Wir dürfen Einsicht und Veränderung nicht durcheinander bringen. Einsicht ist ein Beginn und ein Teil des Veränderungsprozesses, aber nicht das Ganze“ (269). Zunächst gilt es eine Agenda zu erstellen, also das Ziel (welche Veränderungen) und den Weg dorthin zu definieren. Erneut betont Tripp, dass dabei die Bibel die wichtigste Rolle spielt: Was sagt sie über die gesammelten Informationen? Welche Ziele Gottes gibt es für diesen Menschen in dieser Situation? Mit welchen bibelgemäßen Methoden können diese Ziele erreicht werden (273f)? Wichtig ist ferner, dem anderen klar aufzuzeigen, für welche Bereich er verantwortlich ist und in welchen Dingen er Gott vertrauen soll. Tripp arbeitet überzeugend heraus, dass Menschen entweder ihren Verantwortungsbereich vergrößern (und sich wie „Mini-Messiase“ verhalten und dann frustriert scheitern), oder ihren Verantwortungsbereich zusammenschrumpfen und Dinge unterlassen, zu denen Gott sie auffordert (280). Diese Unterscheidung ist so einfach, wie einleuchtend und dürfte sich in der Seelsorge als äußerst hilfreich erweisen. Auch während des laufenden Veränderungsprozesses ist der Seelsorger gefordert, kontinuierlich unsere Identität in Christus zu bekunden, und die Hoffnung und die Kraftquellen die damit verbunden sind, herauszustellen. Es ist Tripp anzumerken, dass er darum bemüht ist, sein Seelsorgemodell in jedem Bereich im Evangelium zu gründen – ein weiterer großer Pluspunkt in diesem Buch. Schließlich ist eine Rechenschaftsstruktur nötig, um dem anderen zu helfen, langfristig das Richtige zu tun (299f).

Insgesamt ist Tripps Werk ein sehr gutes grundlegendes Buch über biblische Seelsorge. Positiv sind vor allen Dingen die klare Orientierung an der Bibel, der am Evangelium orientierte Ansatz und die grundsätzliche Verankerung der Seelsorge als Teil der Jüngerschaft, für den alle in einer Gemeinde gebraucht werden. Deshalb wendet sich Tripp auch grundsätzlich mit seinem Buch an alle Christen, da Seelsorge bei ihm ja keine Aufgabe nur für die Spezialisten ist. Auch wenn das Buch gut lesbar, leicht verständlich und abwechslungsreich geschrieben ist, so stammen Tripps Beispiele meist doch aus seinem pastoralen Alltag und lassen sich auf den normalen Christen nicht ohne weiteres übertragen. Es wäre spannend etwas darüber zu erfahren, wie denn nun ein Christ, der keinen besonderen Seelsorgedienst hat, damit konkret beginnen kann, für seine Geschwister ein Werkzeug Gottes zu werden. Dennoch ist Tripps Buch ein hervorragendes einführendes Werk in die biblische Seelsorge und sollte aus den genannten Gründen von möglichst jedem Christen gelesen werden!

Gott geht mit!

Jakobs Treffen mit Laban liegt zurück und nun macht er sicher weiter auf Richtung Heimat. Dorthin, wo Gott ihm versprochen hatte, ihn wieder zurückzubringen als er vor seinem Bruder Esau fliehen musste. Und wie damals auf der Hinreise, als er in Bethel übernachtete und die Engel Gottes auf der Leiter auf- und niedersteigen sah, so macht er auch hier jetzt auf der Rückkehr eine ganz atemberaubende Erfahrung: „Und es begegneten ihm die Engel Gottes. Und als er sie sah, sprach er: Hier ist Gottes Heerlager, und nannte diese Stätte Mahanajim.“ (1Mose 32,2b-3) Eine Beschreibung von einem unglaublichen Ereignis, die kaum knapper sein könnte .Und wir sind wahrscheinlich neugierig, nach vielen Details: wie hast du die Engel gesehen Jakob?, Wie sahen sie aus? Haben sie etwas gesagt?

Aber wir erfahren das alles nicht. Wir erfahren nur das eine, was wirklich wichtig ist: Hier sind Gottes Engel, hier ist Begegnung mit dem Göttlichen, hier ist Gottes Gegenwart. Gott geht mit! Er ist dabei, wenn Jakob jetzt seine Reise fortsetzt. Gott geht mit, wenn Jakob jetzt wieder in seine Heimat zieht. Der Gott, der ihn die ganzen Jahre begleitet und bewahrt hat – auf der Reise hin zu Laban, im Dienst bei diesem schwierigen Onkel, zuletzt beim feindlichen Aufeinandertreffen mit ihm – dieser Gott, der stets Jakob begleitet und bewahrt hatte, er geht auch jetzt mit. Er ist auch jetzt mit dabei. Er ist Jakob treu, auf ihn ist Verlass. Gott ist gegenwärtig!

Zugegeben, nur zu gerne würde ich auch einmal solch eine Erfahrung machen. Einen Einblick bekommen in die geistliche Welt und einmal mit eigenen Augen sehen, wie Gott durch Engel, durch seinen Heiligen Geist oder ganz direkt in dieser Welt gegenwärtig ist und in meinem Leben wirkt. Aber solche Einblicke in diese geistlichen Dinge gewährt Gott nur in Ausnahmefällen. Für die meiste Zeit sind wir aufgefordert, einfach seinem Wort zu vertrauen, dass uns klipp und klar sagt, dass Gott mit uns geht. Auch wenn uns keine Engel begegnen und wir ihn nicht sehen. In Ps 23,4 heißt es: Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.“ Gott geht mit, er ist bei uns gerade in den finsteren Tälern. Er verlässt uns nicht. Und noch deutlicher sagt es Jesus Christus selbst: „Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir; 28 und ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen.“ (Joh 10,27-28). Bei mir, sagt Jesus, hast du eine unglaubliche Sicherheit – trotz aller Bedrohungen und Gefahren, die dir richtig Angst machen können. Er sagt zu uns als seinen Jüngern: Ich bin bei dir, du bist mein, niemand wird dich jemals mir entreißen können.

Wenn du mehr über Gottes Treue in bedrohlichen Zeiten und wie man in Geduld an ihr festhalten kann, hören willst, dann hast du die Gelegenheit hier in meine Predigt „Bedrohliche Bedingungen – oder: wie Jakob Esau zu besänftigen versucht“ (1Mose 32,2-22) reinzuhören.

Wer Gottes Ruf hört, muss etwas wagen und ihm folgen

„Und es kamen vor ihn die Reden der Söhne Labans, daß sie sprachen: Jakob hat alles Gut unseres Vaters an sich gebracht, und nur von unseres Vaters Gut hat er solchen Reichtum zuwege gebracht. 2 Und Jakob sah an das Angesicht Labans, und siehe, er war gegen ihn nicht mehr wie zuvor. 3 Und der HERR sprach zu Jakob: Zieh wieder in deiner Väter Land und zu deiner Verwandtschaft; ich will mit dir sein.“ (1Mose 31,1-3)

Gott meldet sich bei Jakob zu Wort. Er spricht zu ihm durch klare Worte (V. 3), aber auch durch die sich verändernden Lebensumstände (V. 1-2). Und Jakob? Er ist an dieser Stelle  wirklich mal ein echt gutes Vorbild. Denn er folgt gehorsam Gottes Ruf – er wagt es! Ja, es ist beachtlich, dass er sofort – ohne zu zögern – reagiert. Er hörte das Reden Gottes, und dann heißt es direkt im Anschluss: „Da sandte Jakob hin und ließ rufen Rahel und Lea.“ (V. 4). Hier gibt es keinen Aufschub, hier ist kein Zögern, hier gibt es kein Abwägen mehr, keine Pro-und-Contra-Liste. Jakob schläft auch keine Nacht mehr drüber. Nein, wenn Gottes Ruf uns ereilt hat, dann gilt es auch sofort zu reagieren und dem Gehörten Taten folgen zu lassen. Selbst dann, wenn Gottes Wort zu folgen, uns etwas kostet. Ja, wer Gottes Ruf hört, muss etwas wagen und ihm folgen!

Machen wir es dann nicht so, wie es sich manche morgens mit dem Wecker angewöhnt haben. Klingelt der Wecker, so wird sofort die Schlummer-Taste gedrückt…. „Nur noch einmal umdrehen, nur noch 5 oder 10 Minuten liegen.“ Klingelt der Wecker erneut, so wird wiederum die Schlummer-Taste bedient. Und so geht das dann eine ganze Zeit.Aber wird’s dadurch wirklich einfacher aufzustehen? Womöglich fallen wir in die nächste Tiefschlafphase und kommen dann gar nicht mehr aus dem Bett. Ganz genauso ist es, wenn Gottes Ruf uns ereilt, wenn wir sein Wort hören, wenn wir seine Aufforderung an uns vernehmen. Dann dürfen wir nicht die geistliche Schlummer-Taste bedienen, nicht die Sache noch rausschieben. Nein, wenn Gottes Wort uns etwas klar sagt, dann gilt es zu folgen, die Sache umzusetzen, sofort aktiv zu werden.

Mehr darüber und warum es sich lohnt, Gottes Ruf gehorsam zu folgen, erfährst du in meiner Predigt „Gewagter Gehorsam – oder wie Gott Jakob in großer Gefahr bewahrt“ (1Mose 31,1-32,1), in die du hier reinhören kannst. 

Gottes Wort hören und TUN – zum Monatsspruch für Februar

Es ist das Wort ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tust. (5Mose 30,14)

Jakobus erzählt uns in seinem Brief von einem Mann, der sich selbst im Spiegel betrachtet. Anschließend geht er davon und vergisst sein Aussehen augenblicklich (vgl. Jak 1,23-24). Ein absurdes Beispiel mit dem Jakobus uns verdeutlichen will, wie unsinnig und widersprüchlich es ist, Gottes Wort zwar zu hören, aber nicht danach zu handeln. Genauso wie der Mann, der sich im Spiegel selbst betrachtete, sich selbstverständlich auf einem Foto wiedererkennen würde, so sollte auch derjenige, der das Wort des allmächtigen Gottes vernommen hat, danach sein Leben ausrichten.

Der Monatsvers für Februar betont nun, dass Gottes Wort uns wirklich nahegekommen ist. Dieser Vers hebt hervor, dass Gott wirklich geredet hat und dass wir sein Reden kennen. Ja, Gott hat uns in seiner Güte sogar ein Buch – die Bibel – gegeben, in dem wir sein Reden verschriftlicht finden. Wir können es nachschlagen, studieren und auswendig lernen. Ja, wir führen seine Worte oft sogar im Munde und haben sie bereits in unser Herz aufgenommen, wie Mose schreibt. Gott hat sich uns offenbart, er hat gesprochen, wir kennen sein Wort.

Das ist wunderbar und das bedeutet auch, dass es keine Ausrede gibt, Gottes Gebot nicht zu folgen. Gottes Wille ist uns eben nicht verborgen. Darüber, was Gott sich von uns wünscht, müssen wir nicht spekulieren oder Vermutungen anstellen. Nein, Gott hat sich uns klar und verständlich mitgeteilt. Und zwar mit einem Ziel: dass wir sein Wort tun!

Als evangelische Christen wird uns an diesem Punkt leicht etwas mulmig zu Mute. Womöglich denken wir sofort daran, dass wir als sündhafte Menschen doch niemals in der Lage sein werden, Gott vollkommen gehorsam zu leben. Und dass wir von Vergebung und Gnade leben und uns das Heil nicht verdienen können. Das stimmt natürlich und das ist gute reformatorische Lehre!

Und dennoch dürfen wir hier das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Es ist falsch, Gottes Gebote und seine Forderung nach Gehorsam sofort mit dem Verweis auf Gnade und Vergebung glattzubügeln. Nein, Gottes Wort ist uns gegeben, damit wir es tun. Jesus Christus ist in unser Leben getreten, damit wir verändert werden. Den „alten Menschen“ gilt es abzulegen und den „neuen Menschen“ anzuziehen (vgl. Eph 4,22ff). Und der Heilige Geist wohnt in uns, um uns dabei zu helfen. Er ist es auch, der beides, das Wollen und das Vollbringen“ (Phil 2,13) in uns wirkt.

Natürlich werden wir noch scheitern. Wir werden – wenn wir ehrlich mit uns sind – uns ab und an als Übertreter von Gottes Wort ertappen. Dann dürfen wir Jesus Christus um Vergebung bitten und wir dürfen erfahren, dass es tatsächlich keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind“ (Röm 8,1) gibt.