Ein Risiko, das sich lohnt

„Und es geschah nach einiger Zeit, dass der Bach vertrocknete; denn es war kein Regen im Lande. Da kam das Wort des HERRN zu ihm: Mach dich auf und geh nach Sarepta, das zu Sidon gehört, und bleibe dort; denn ich habe dort einer Witwe geboten, dass sie dich versorge. Und er machte sich auf und ging nach Sarepta. Und als er an das Tor der Stadt kam, siehe, da war eine Witwe, die las Holz auf. Und er rief ihr zu und sprach: Hole mir ein wenig Wasser im Gefäß, dass ich trinke! Und als sie hinging zu holen, rief er ihr nach und sprach: Bringe mir auch einen Bissen Brot mit! Sie sprach: So wahr der HERR, dein Gott, lebt: Ich habe nichts Gebackenes, nur eine Handvoll Mehl im Topf und ein wenig Öl im Krug. Und siehe, ich habe ein Scheit Holz oder zwei aufgelesen und gehe heim und will’s mir und meinem Sohn zubereiten, dass wir essen – und sterben. Elia sprach zu ihr: Fürchte dich nicht! Geh hin und mach’s, wie du gesagt hast. Doch mache zuerst mir etwas Gebackenes davon und bringe mir’s heraus; dir aber und deinem Sohn sollst du danach auch etwas backen. Denn so spricht der HERR, der Gott Israels: Das Mehl im Topf soll nicht verzehrt werden, und dem Ölkrug soll nichts mangeln bis auf den Tag, an dem der HERR regnen lassen wird auf Erden. Sie ging hin und tat, wie Elia gesagt hatte. Und er aß und sie auch und ihr Sohn Tag um Tag. Das Mehl im Topf wurde nicht verzehrt, und dem Ölkrug mangelte nichts nach dem Wort des HERRN, das er geredet hatte durch Elia.“
(1Könige 17,7-16)

Eine echte Herausforderung

Der Prophet Elia fordert diese Witwe stark heraus:„Mach mir zuerst etwas zu Essen und dann dir selbst!“ -„Dann mir selbst, wenn ich nichts mehr habe?“, würde jeder normale Mensch denken. Denn die Aufforderung Elias ist im Grunde eine lebensverkürzende Maßnahme – so groß ist ihre Not in diese Dürreperiode.

Ein großer Glaubensschritt

Das Erstaunliche ist, dass die Witwe dennoch das tut, was der Mann Gottes ihr sagt. Aber warum um alles in der Welt tut sie das?
Ich glaube, weil sie ahnt, dass sie etwas von unschätzbarem Wert gewinnen kann. Sie hat den Eindruck, dass sie nichts verlieren wird, wenn sie das wenige gibt, was sie jetzt noch hat. Sie weiß sicher nicht genau, was passieren wird, aber offenbar hat sie diese Ahnung, dieses Vertrauen, dass es nicht zu ihrem Nachteil sein wird, wenn sie auf Elia hört. Nein, vielmehr vertraut sie darauf, dass sich dieses Risiko für sie auszahlen wird.
Und so kommt es dann ja auch. Die wenige Nahrung, die sie hat und mit der sie Elia versorgt, verliert sie – man könnte sagen, sie investiert sie und sie gewinnt, dass Gott sie mit einem Wunder durch die ganze Hungersnot hindurch tagtäglich versorgt. Ein wahrhaft guter Deal.
Solche Wunder berichten uns nicht nur, was Gott einmal getan hat, sondern sie wollen uns auch immer etwas lehren. Durch solche Geschichten soll  uns also veranschaulicht werden, wie Gott ist, wie das Evangelium ist oder wie der Glaube ist. Und so ist es auch hier. Jesus beschreibt einmal in einem kurzen Gleichnis das Reich Gottes: Das Himmelreich gleicht einem Schatz, verborgen im Acker, den ein Mensch fand und verbarg; und in seiner Freude ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte den Acker” (Mt 13,44). Was dieser Mann in dem Gleichnis tut, erinnert mich sehr an diese Witwe. Alles was er hat, verkauft er und investiert es in diesen Acker. Aber er tut es nicht missmutig, nicht gequält, nicht weil es unbedingt sein muss, sondern er tut es mit Freude und persönlicher Überzeugung! Niemand zwingt ihn, er tut es freiwillig und gern.

Es lohnt sich, unser Leben für Jesus hinzugeben

Nun, wir wissen nicht, wie die Frau sich gefühlt hat in dieser Situation. Aber in V. 15 steht: „Sie ging hin und tat, wie Elia gesagt hat.“ Keine Zweifel, kein Überlegen – sie handelt sofort, ist zielorientiert, verliert keine Zeit. Ich glaube, weil sie geahnt hat, dass das was dieser hebräische Prophet ihr hier sagt, Gottes Stimme ist und dass dieser Gott Israels es gut mit ihr meint. „Wenn ich tue, was er sagt, wird es nicht zu meinem Schaden sein“ – so hat sie geglaubt. Von Jim Elliot, dem bekannten Missionar, ist das Zitat überliefert: Der ist kein Narr, der hingibt, was er nicht behalten kann, um damit zu gewinnen, was er nicht verlieren kann.“ Im Grunde wars bei der Frau ganz ähnlich: ihre Vorräte gingen schon zu Ende, bald wäre sowieso Schluss gewesen. Sie gibt das, was sie nicht behalten kann, was unaufhaltsam zu Neige geht weg und gewinnt eine nicht endende und nicht zu verlierende Versorgung.

Das lehrt uns auch etwas über das Wesen des Glaubens. Wenn wir Christen sind, dann geben wir unser Leben Jesus hin. Wir sagen: „Du bist der Gott, der die Welt geschaffen hat, der heilig und gerecht ist, und dem unsere ganze Anbetung gebührt.“ Und wir gestehen Gott gegenüber ein: „Ich habe gegen dich gesündigt, ich bin schuldig geworden, ich habe deine Strafe verdient. Aber Gott, weil du mich liebst und mich retten willst und dafür Jesus, deinen geliebten Sohn hast kreuzigen und sterben lassen, darum komm du jetzt in mein Leben Jesus, übernimm du die Kontrolle in meinem Leben, sei du mein Herr, erneuere mich durch den Heiligen Geist, ich will mich dir unterordnen!“ Wenn wir das tun, dann verlieren wir „unser“ Leben, wir verlieren unsere Eigenständigkeit. Aber im Grunde geben wir mit unserem Leben etwas hin, was – wie die Vorräte bei der Frau – sowieso schon zu Ende geht. Denn unser Leben läuft unweigerlich auf den Tod zu – und ohne Christus auf das große Verderben. Dafür gewinnen wir ein Leben mit Christus: Jetzt und in Ewigkeit. Wir gewinnen die Verheißungen Gottes, wir gewinnen die Versorgung Gottes, wir gewinnen etwas, was unendlich wertvoll ist. Darum ist es weise, mein Leben Jesus hinzugeben und mich Gottes Wort unterzuordnen.Wer Gottes Verheißungen glaubt, in Anspruch nimmt, danach handelt, der wird versorgt, der kommt nicht zu kurz, dem ist es nicht zum Nachteil – darum kann Jesus sagen: Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.“ (Mt 6,33)

Von Gottes Liebe ergriffen

„Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, daß wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch!“ (1Joh 3,1a)

Was hat Johannes wohl empfunden, als er diese Worte schrieb? Was können wir heraushören, wenn wir auf den Ton in diesen Zeilen achten?

Ich spüre aus diesen Zeilen eine große Begeisterung, ja ein echtes Erstaunen heraus über diese wunderbare Wirklichkeit, dass Gott uns durch Christus tatsächlich zu seinen Kindern macht. Obwohl diese grundlegende Heilstatsache dem Johannes seit vielen Jahrzehnten bekannt war, ist er noch immer ergriffen davon. Die Liebe Gottes, die sich in seinem Erlösungshandeln zeigt, beeindruckt Johannes nach wie vor.

Ich wünsche mir das auch für mich. Dass ich mich nicht daran gewöhne, ein Kind Gottes zu sein. Dass es für mich nicht zur langweiligen Selbstverständlichkeit wird, dass Gott seinen vollkommenen Sohn geopfert hat, um mich zu erlösen. Nein, dass ich vielmehr davon ergriffen bleibe, dass Gottes Liebe zu mir so groß war, dass er Jesus in den Tod gab. Ich wünsche mir auch, dass ich – wie Johannes – begeistert und begeisternd davon reden kann. Dass ich das anderen mitgeben kann, „seht““, „schaut hin“, „passt auf“, „überseht doch nicht!“ Denn was Gott für uns getan hat, ist ja nicht eine Information zum Hören und Abhaken, sondern die frohe Botschaft, die unser Leben verändert!

Jesus und die Bibel

„Denen, die der Schrift eine hohe Wertschätzung entgegenbringen, wird oft Götzendienst vorgeworfen, weil sie das Wort Gottes so sehr verehren. Doch diese Anschuldigung richtet sich gegen die Falschen. ‚Ein Christus, der seinen Nachfolgern erlaubt, ihn als Richter der Schrift einzusetzen, nämlich als einen, der erst ihre Autorität bestätigen muss, bevor sie verpflichtend wird, und durch dessen gegenteiliges Urteil sie an anderer Stelle ungültig gemacht wird, ist ein Christus menschlicher Vorstellung, gemacht im eigenen Bilde des Theologen. Einer, dessen Haltung zur Schrift das Gegenteil von der Haltung des historischen Christus ist. Wenn die Konstrunktion eines solchen Christus nicht ein Bruch des zweiten Gebotes ist, was ist es dann?‘ Jesus mag sich sehr wohl als der Fokus der gesamten Schrift gesehen haben, doch niemals als ihr Richter. Der einzige Jesus, der über der Schrift steht, ist unser selbst erfundener Jesus.“

Kevin DeYoung, Gott beim Wort nehmen: Warum die Bibel es wert ist, sie zu kennen und ihr zu vertrauen, Waldems: 3L, 2016, 102.

Tripp: Krieg der Worte

Jeder Mensch kennt Kommunikationsprobleme. Worte, die nicht so gemeint waren, wie sie beim Gegenüber ankamen oder Situationen, in denen man Sätze ausgesprochen hat, die man nur wenig später am liebsten zurückgenommen hätte. Im Buch Krieg der Worte ist es Paul Tripps Anliegen zu zeigen, wie das Evangelium unsere Kommunikationsprobleme sieht und wie es uns helfen kann diese zu lösen (15).

Im ersten Teil seines Buches („Reden ist nicht billig“) legt Tripp seine theologischen Grundüberlegungen zu diesem Thema dar. Er ist überzeugt, dass Kommunikationsprobleme sich nicht durch „Tricks und Techniken“ lösen lassen, sondern dass sie eine viel tiefergehende Ursache haben. Er erinnert die Leserschaft daran, dass Gott der erste war der menschliche Sprache benutzte: „Als Gott beschloss, sich selbst auf diese Weise zu offenbaren, verlieh er damit der Sprache als dem wichtigsten Transportmittel für Wahrheit einen Ort der höchsten Bedeutung (18)“.

Aber nicht nur Gott offenbart sich durch seine Worte, sondern seine Worte geben auch der gesamten Schöpfung – und somit auch dem Menschen – Identität, Sinn und Ziel. Gottes Worte setzen Grenzen und geben Freiheit, sie offenbaren, definieren, erklären und formen die Welt (21f). Alles was nun der Mensch spricht, soll Gottes Herrlichkeit spiegeln und seinen Normen entsprechen (23f). Dieses Idealbild sieht Tripp in 1Mose 1. Demgegenüber stellt der Autor das Sprechen Satans aus 1Mose 3. Er stellt heraus, dass hier die Autorität der Worte Gottes  das erste Mal in Frage gestellt werden (30). Eine Folge davon sind – neben dem Aufkommen der Lüge und Schuldzuweisungen – viele sich wiedersprechende Stimmen und Interpretationen der Wirklichkeit. Eine sehr erhellende Beobachtung, die gravierende Auswirkungen auf das alltägliche Leben hat: „Wir alle reagieren auf die Menschen und Situationen in unserem Leben nicht auf der Grundlage der Tatsachen. Sondern unsere Reaktionen gründen sich auf Interpretationen dieser Tatsachen. (…) Probleme mit Worten sind oft Probleme der Interpretation. Wir sagen nicht das Richtige, weil wir nicht das Richtige glauben (31).“ Tripp schlussfolgert, „dass unsere Worte ihre Wurzeln nicht nur in den Worten des Herrn, sondern auch in den Worten der Schlange haben (40).“

Tripps Schlüsselerkenntnis ist darum, dass alle Probleme der Kommunikation ihre Ursache im menschlichen Herzen haben: „Wir sind das, was in jeder Situation das Problem ist. Wir sind das stets gleiche Element in allen unseren Kommunikationsproblemen (49).“ Veränderung kann es darum niemals einfach durch neue Kommunikationstechniken geben, sondern nur durch Jesus Christus – das göttliche Wort – und sein Erlösungswerk (50-58).

Im zweiten Teil des Buches („Ein neues Konzept für unsere Sprache“) möchte der Autor eine neue, von der Bibel geprägte Sicht, über Kommunikation vermitteln. Insbesondere die ersten drei der insgesamt sechs Kapitel in diesem zweiten Teil halte ich für sehr hilfreich. Tripp ist überzeugt, dass wir nur dann, wenn wir Gottes souveräne Herrschaft verstehen und uns seiner Herrschaft unterordnen, so sprechen können, wie er es beabsichtigt hat: „Der Kampf der Worte ist im Grunde ein Krieg um die Souveränität (81).“  Was zunächst weit hergeholt wirkt, erweist sich bei näherem Überlegen als sehr schlüssig: „Wenn meine Worte nicht aus einem Herzen kommen, das in seiner Herrschaft ruht, dann kommen sie aus einem Herzen, das nach Kontrolle strebt, damit ich bekommen kann, was ich will (82).“ Tripp führt dann aus, dass Gott souverän und unangefochten über das Universum und alle Einzelheiten unseres Lebens herrscht. Mit seiner Herrschaft verfolgt Gott für sein Volk stets gute Ziele zu seiner Ehre. Den Kampf um die Worte (gerade in den problembeladenen Situationen, in denen so schnell falsche Worte aus unserem Munde kommen), können wir nur dann gewinnen, wenn wir in unserem Herzen den Kampf um die Souveränität bereit gewonnen haben (95). Beeindruckend, wie Tripp dieses oftmals als mehr theoretisch empfundene Konzept der Souveränität Gottes auf dieses alltägliche Thema der Sprache herunterbricht und überzeugend darlegen kann, wie ein von der Bibel erneuertes Denken in diesem Bereich zu einem erneuerten Leben entscheidend beiträgt.

Ferner legt Tripp den Finger in die Wunder wenn er aufzeigt, dass unsere Kommunikationsprobleme ihre Ursache auch in einem falschen Verständnis von Nachfolge haben können: „Viele von uns folgen dem König aus den falschen Gründen (98)“. So sind Menschen einfach deshalb Christen, weil sie in Christus den Einen sehen, der alle ihre gefühlten Bedürfnisse stillen würde (101). Wenn diese Träume nun zerplatzen, äußert sich das häufig in sündhaften Worten. Tripp malt dem Leser nun anschaulich vor Augen, dass alle materiellen und irdischen Segnungen „auf den tieferen und reicheren Segen der Gegenwart des Herrn Jesus Christus in ihrem Leben hinweisen (106).“ Er macht aber auch deutlich, dass Christi Ruf in die Nachfolge bedeutet, die eigenen Pläne aufzugeben und Teil von Gottes Plan zu werden (108). Um den Kampf um die Worte wirklich gewinnen zu können, muss unser Leben allein auf den Herrn gegründet sein (109).

Bedenkenswert sind außerdem noch Tripps Hinweise, dass wir Menschen „für den König“ (115) sprechen sollen. Gott hat uns zu seinen Botschaftern berufen, die ihn repräsentieren sollen: „Unsere Kommunikation muss immer Botschaftercharakter haben (119).“  Das bedeutet, dass wir aus einem „klaren Verständnis der Mission des Königs heraus sprechen (121)“, also dass wir beim Sprechen das Herz im Blick haben. Vor allem aber bedeutet es, dass wir uns beim Sprechen auch der Methoden des Königs bedienen: „Als Botschafter sind wir dazu berufen, die unwirksamen oder gar zerstörerischen Waffen der Welt abzulegen und die Werkzeuge des Evangeliums zu ergreifen (124)“, unter denen Tripp nach 2Kor 5 Selbstaufopferung, Vergebung und Versöhnung versteht. „Menschliche Probleme“, die in aller Regel Streit und Kommunikationsprobleme hervorrufen, „sind Gelegenheiten, die Gott dazu benutzen kann, die Menschen um uns herum in eine vollere und tiefere Gemeinschaft mit ihm zu ziehen (128).“

In den übrigen drei Kapiteln dieses zweiten Hauptteils ermutigt der Autor praktische Schritte vorwärts zu gehen und sich nicht entmutigen zu lassen (Kapitel 8). Er gibt konkrete Hinweise, wie man konfrontative Gespräche biblisch führen kann (Kapitel 9).  Abschließend erinnert er daran, dass wir uns stets auf der Mission des Königs befinden (Kapitel 10).

In Tripps drittem Hauptteil („Den Kampf der Worte gewinnen“) geht es nun darum die neue bibelgemäße Kommunikation umzusetzen. Dazu fordert der Autor den Leser in Kapitel 11 zunächst auf, Buße über die alte Sprechweise zu tun. Tripp beschreibt sehr anschaulich, dass Buße als Ziel ein verändertes Leben hat. Er schlägt vier praktische Schritte vor, um Buße zu tun: 1) Nachdenken über das eigene Herz, 2) Bekennen, 3) Selbstverpflichtung und 4)  Veränderung. Ferner erinnert Tripp seine Leserschaft daran, dass der Kampf um die Worte „eine lange Reise“ (226) ist (Kapitel 12). Er schließt sein Buch mit einigen Ratschlägen ab, wie man „Worte wählen“ (229) sollte: Zunächst gilt es das eigene Herz vorzubereiten und anschließend Worte zu wählen, die den Kriterien Wahrheit, Liebe, Zurückhaltung, Gnade und Vergebung entsprechen.

Die Stärken des Buches liegen meiner Einschätzung nach vor allen Dingen in den ersten Kapiteln. Besonders der erste Teil, in dem Tripp das Grundproblem aller menschlichen Kommunikation überzeugend auf den Sündenfall zurückführt, ist eine außerordentlich wichtige Erkenntnis. Zu Recht betont der Autor immer wieder, dass es beim Überwinden von Kommunikationsproblemen nie nur um „Tricks und Techniken“ gehen kann. Tripp will ausdrücklich an der Wurzel des Problems ansetzen, das er richtig als das menschliche Herz identifiziert. So überzeugend wie er diese Sicht der Dinge darlegt, so sehr vermisst man auf der anderen Seite die Auseinandersetzung mit anderen Standpunkten. Ebenfalls äußerst gelungen sind die ersten Kapitel aus dem zweiten Teil, in dem er „ein neues Konzept“ für unsere Sprache entwickelt. Tripp gelingt es außerordentlich gut, tiefe geistliche Wahrheiten wie die Souveränität Gottes auf das alltägliche Leben herunterzubrechen. Er zeigt so, dass diese dogmatischen Wahrheiten tatsächlich die Lebenspraxis verändert. Was der Mensch glaubt, verändert eben auch sein Handeln! Man ist motiviert – gerade als Pastor und Prediger – die Schrift tiefgehend auszulegen, auch vermeintlich lebensferne Theologie zur Sprache zu bringen, weil sie eben doch die Kraft hat, das Leben gravierend zu verändern.

Auf der anderen Seite muss man leider konstatieren, dass die Qualität des Buchs abnimmt. Gerade die letzten Kapitel, in denen es um die konkrete Umsetzung einer neuen Sprechweise geht, sind keineswegs so stark wie die ersten Kapitel des Buchs. Zwar schließt Tripp jedes Kapitel mit einigen persönlichen Fragestellungen ab, die dazu helfen sollen, das Gelesene umzusetzen. Dennoch sind die Kapitel zur konkreten Umsetzung etwas vage und teilweise zu theoretisch und erklärend. Tripp will keine „Tricks und Techniken“ liefern, aber an dieser Stelle wäre es vielleicht doch angemessen gewesen, konkrete Vorschläge zu machen, wie man eine neue vom Evangelium bestimmte Sprechweise im Alltag einüben kann.

Man beobachtet ferner in der fortlaufenden Lektüre zunehmende Redundanz einiger Gedanken. Hin und wieder drängt sich der Eindruck auf, dass der Autor noch einige Gedanken zu einer Bibelstelle „auf Lager“ hatte – die zwar im Zusammenhang zum Buchthema stehen – aber den Gesamtgedanken kaum weiterentwickeln (z.B. die an sich gute Auslegung von Gal 5,13ff in Kapitel 12, S. 210ff). Das Buch hätte darum sicherlich um einiges kürzer und stringenter ausfallen können.

Insgesamt ist das Buch dennoch ein sehr wichtiges und gelungenes Buch. Allein die ersten 7 Kapitel sind so voller wertvoller und wichtiger Wahrheiten, dass man über die kleinen Mängel in den anderen Kapiteln gut hinwegsehen kann. Das Werk könnte sehr gut in Jüngerschaftsgruppen oder Hauskreisen verwendet werden, wobei hier besonderes Augenmerk auf die Anwendung des Gelesenen gelegt werden sollte. Insbesondere die ersten 6-7 Kapitel wären allerdings auch eine gute Grundlage für eine Predigt- oder Themenreihe, die das allgegenwärtige Thema Kommunikation – das ja auch soviel Not verursacht – aus biblischer Sicht beleuchtet. Darum ist Krieg der Worte auf jedem Fall jedem interessierten Christen zu empfehlen und sollte auf keinem gemeindlichen Büchertisch fehlen

Jesus trug Gottes Zorn

„Als Jesus die Schuld unserer Sünden alleine trug, goss Gott der Vater, der mächtige Schöpfer, der Herr des Universums, auf Jesus die Glut seines Zornes aus: Jesus wurde zum Gegenstand des tiefen Hasses der Sünde und der Rache gegen die Sünde, die Gott geduldig seit dem Anfang der Welt aufgespart hatte.

Röm 3,25 sagt uns, dass Gott Christus als ein „Sühnopfer“ dargestellt hat; dieses Wort bedeutet „ein Opfer, das den Zorn Gottes bis ans Ende trägt und, indem es dies tut, Gottes Zorn gegen uns in Gunst verwandelt“. Paulus schreibt uns, dass dies geschah „um seine Gerechtigkeit zu erweisen, weil er die Sünden ungestraft ließ, die zuvor geschehen waren, als Gott Zurückhaltung übte, um seine Gerechtigkeit in der jetzigen Zeit zu erweisen, damit er selbst gerecht sei und zugleich den rechtfertige, der aus dem Glauben an Jesus ist.“ (Röm 3,25-26). Gott hatte in den vergangenen Generationen nicht einfach die Sünde vergeben und die Strafe vergessen. Er hatte Sünden vergeben und seinen gerechten Zorn gegen jene Sünden aufgespart. Doch am Kreuz entbrannte die Glut all jenes aufgesparten Zornes gegen die Sünde gegen Gottes eigenen Sohn in ihrer ganzen Heftigkeit.“

Wayne Grudem, Biblische Dogmatik: Eine Einführung in die Systematische Theologie, Bonn: VKW, 2013, 636.

Das Herz des Evangeliums

Warum ist die Lehre, dass Jesus Christus stellvertretend starb so zentral und unaufgebbar für den christlichen Glauben? Greg Gilbert erklärt:

„Leider ist diese Lehre vom stellvertretenden Opfer vermutlich der Teil des christlichen Evangeliums, den die Welt am meisten hasst. Die Menschen empört der Gedanke, dass Jesus für die Sünde eines anderen bestraft wurde. Mehr als ein Autor hat dies „göttliche Kindesmisshandlung“ genannt. Und doch: Wenn wir das stellvertretende Opfer ablehnen, schneiden wir dem Evangelium das Herz heraus. Zwar gibt es in der Heiligen Schrift viele Bilder für das, was Christus mit seinem Tod bewirkt hat: Er gab uns ein Vorbild, schaffte Versöhnung und brachte den Sieg, um nur drei zu nennen. Doch unter all dem liegt die Realität, auf die all die anderen Bilder hinweisen: das stellvertretende Opfer. Das kann man nicht einfach auslassen – noch nicht einmal zugunsten anderer Bilder verharmlosen -, sonst übersät man die Landschaft der Heiligen Schrift mit unbeantworteten Fragen. Warum die Opfer? Was bewirkte dieses Blutvergießen? Wie kann Gott Sündern gnädig sein, ohne die Gerechtigkeit zunichte zu machen? Was kann es bedeuten, dass Gott Ungerechtigkeit und Übertretungen und Sünde vergibt und doch auf keinen Fall die Schuldigen ungestraft lässt (s. 2Mose 34,7)? Wie kann ein gerechter und heiliger Gott die Gottlosen rechtfertigen (s. Röm 4,5)?

Die Antwort auf alle diese Fragen findet sich am Kreuz von Golgatha, in Jesu stellvertretendem Tod für die Seinen. Ein gerechter und heiliger Gott kann die Gottlosen rechtfertigen, weil durch Jesu Tod Gnade und Gerechtigkeit miteinander ausgesöhnt wurden. Der Fluch wurde rechtmäßig vollzogen und wir wurden gnädig gerettet.“

Greg Gilbert, Was ist das Evangelium?, Waldems: 3L, 2011, 83f.

Wer bist du?

Als Jakob sich an der Furt des Jabbok befindet, wird er plötzlich von einem Mann angegriffen. Ein nächtlicher, langer und ausgeglichener Kampf folgt. Erst durch einen plötzlichen „Schlag“ wird der Kampf entschieden. Doch auch dann sind noch nicht alle Besonderheiten in dieser Geschichte vorbei. Denn der Angreifer fragt Jakob schließlich nach seinem Namen: „Wie heißt du?“ (V. 28)

Nun, sicherlich fragt der Angreifer hier nicht, weil er Jakobs Namen nicht wüsste. Nein, seine Frage hat einen anderen Grund und der wird deutlich, wenn wir gucken, wie es weitergeht. Denn der Angreifer antwortet auf Jakobs Namensnennung wie folgt: „Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel; denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und hast gewonnen.“ (V. 29)

Jakob bekommt einen neuen Namen. Und darum sollte er seinen alten Namen, Jakob, nennen. Denn mit seiner Namensnennung muss Jakob seine Identität, seine Natur, sein ganzes bisheriges Leben bekennen. Seine Name steht – wie in der Bibel üblich – für seine ganze Person, seinen Charakter, für das, was ihn ausmacht. Jakob bekennt in diesem Moment „Ja, ich bin dieser Jakob, ja, ich bin dieser Fersenhalter, dieser Betrüger – ja, ich bin derjenige, der Bruder und Vater betrogen hat.“ „Er heißt mit Recht Jakob, denn er hat mich nun zweimal überlistet“, (1Mose 27,36) so sagte es Esau einmal. Für alles das steht Jakobs alter Name. Für sein altes Leben mit allen diesen Schattenseiten. In diesem Moment wo Jakob sagt: „Ich heiße Jakob“, bekennt er auch „Das alles bin ich, das alles gehört zu meiner Vergangenheit.“

Wer bist du? Was ist dein Name?

Nun, ich meine nicht einfach Erika oder Fritz oder welchen Namen auch immer deine Eltern dir gegeben haben. Nein, ich meine vielmehr: Was macht dich als Person aus, was macht deinen Charakter aus? Was ist deine Vergangenheit? Was sind deine Schwächen, was ist deine Schuld, in welchen Bereichen bist du von deiner ganzen Art her anders als Gott sich das vorstellt?

Keine angenehme, aber eine wichtige Frage! Nimm dir Zeit, mal darüber nachzudenken. Und vielleicht nützt es dir auch, meine ganze Predigt – von der das eben ein Auszug war – zum Thema „Gefestigter Glaube – oder: wie Gott Jakob einen neuen Namen gibt“ über 1Mose 32,23-33 hier nachzuhören.

Als Adam und Eva von der verbotenen Frucht aßen

Was geschah eigentlich damals beim Sündenfall, als Adam und Eva von der verbotenen Frucht aßen? Greg Gilbert erklärt:

„Als Adam und Eva in die Frucht bissen, verletzten sie damit nicht nur irgendeinen willkürlichen Befehl – „Esst die Frucht nicht.“ Sie taten etwas viel Traurigeres und Schwerwiegenderes. Sie lehnten Gottes Autorität über sie ab und erklärten ihre Unabhängigkeit von ihm. Adam und Eva wollten, so wie die Schlange ihnen versprochen hatte, „wie Gott“ sein. Darum ergriffen beide die vermeintliche Gelegenheit, sich von der Vizeherrschaft zu befreien und sich selbst die Krone aufzusetzen. Im ganzen Universum gab es nur eines, das Gott Adam nicht unter die Füße gelegt hatt – Gott selbst. Doch Adam war dieses Arrangement nicht gut genug, also rebellierte er.

Das Schlimmste daran ist aber, dass Adam und Eva mit ihrem Ungehorsam gegen Gottes Gebot die bewusste Entscheidung trafen, ihn als ihren König abzulehnen. Sie wussten, wie die Konsequenzen aussehen würden, wenn sie ihm ungehorsam waren. Gott hatte ihnen klar und deutlich gesagt, dass sie, wenn sie von der Frucht äßen, „gewisslich sterben“ würden. Das bedeutete vor allem, dass sie aus Gottes Gegenwart vertrieben und zu seinen Feinden würden, statt seine Freunde und frohen Unternaten zu sein. Doch das war ihnen egal. Adam und Eva tauschten das Wohlwollen Gottes gegen das Streben nach ihrem eigenen Vergnügen und Ruhm ein.

Die Bibel nennt diesen Ungehorsam gegen Gottes Gebote – ob in Worten, Gedanken oder Taten – „Sünde“. Im wörtlichen Sinn bedeutet dieses Wort „Zielverfehlung“, doch die biblische Bedeutung von Sünde greift viel tiefer. Es ist nicht so, als hätten Adam und Eva sich sehr angestrengt, Gottes Gebot zu halten, und nur um ein paar Millimeter am Schwarzen vorbeigeschossen. Nein, Tatsache ist, dass sie in die entgegengesetzte Richtung schossen! Sie hatten Ziele und Wünsche, die dem kategorisch entgegenstanden, was Gott sich für sie wünschte, und so sündigten sie. Vorsätzlich verletzten sie Gottes Gebot, zerstörten ihre Beziehung mit ihm und lehnten ihn als ihren rechtmäßigen Herrn ab.“

Greg Gilbert, Was ist das Evangelium?, Waldems: 3L, 2011, 58f.

Tripp: Werkzeuge in Gottes Hand

Seelsorgebücher gibt es viele. Ein hervorragendes, einführendes Buch in die Thematik – geschrieben für jedermann – möchte ich im Folgenden vorstellen: Paul David Tripp, Werkzeuge in Gottes Hand: Biblische Seelsorge in der Gemeinde, Waldems: 3L

Das zentrale Anliegen des Autors ist es, in diesem Buch zu zeigen, dass „Gott Menschen, die selbst Veränderung brauchen, im Leben anderer als Werkzeuge der Veränderung gebraucht.“ (7). Tripp wendet sich gegen die Ansicht, die christliche Gemeinde nur als eine Organisation zu sehen, in denen die Mitglieder weitgehend passive Konsumenten bleiben. Grundlegend ist für ihn die Erkenntnis, dass Gott für unsere Heiligung alle zu jeder Zeit gebrauchen will. In diesen Grundgedanken ordnet Tripp auch sein Seelsorgekonzept ein.

Das Buch gliedert sich in drei große Teile: Die Kapitel 1-6 beschäftigen sich mit den theologischen Grundlagen. In Kapitel 7-14 widmet sich der Autor den vier Aspekten seines Seelsorgekonzeptes (Lieben – Kennen – Sprechen – Tun) jeweils für zwei Kapitel. Den letzten Teil bildet ein umfangreicher Anhang, in dem praktische Fragen behandelt werden.

Grundlage einer biblischen Seelsorge ist für Tripp die Botschaft des Evangeliums (11-17). Auch in der Seelsorge muss es diese Botschaft sein, die an andere Menschen weitergegeben wird. Nur durch diese Botschaft kann der Mensch wirkliche Hilfe erfahren: „Deshalb dürfen wir nie eine Botschaft anbieten, die nicht die gute Nachricht ist. Wir dürfen unseren Mitmenschen kein System anbieten, sondern wir müssen sie zu einer Person, zum Erlöser, hinführen. Nur er ist die Hoffnung.“ (19). Dass es einer übernatürlichen, göttlichen Hilfe bedarf, unterstreicht Tripp indem er die gravierenden, zerstörerischen Auswirkungen der Sünde auf den Menschen beschreibt: Rebellion (letztendlich gegen Gott), Torheit und die Unfähigkeit, Gottes Willen zu tun. Tripp schlussfolgert: „Die Sünde macht uns zu moralisch Querschnittsgelähmten. (…) Wir brauchen Rettung, Heilung und Vergebung. (…) Wir brauchen Gott.“ (26).

Seelsorge zu erfahren, heißt für Tripp sich in der Hand des Erlösers Jesus Christus zu befinden. Seelsorge zu geben, bedeutet für den Autor vor allen Dingen, den Mitmenschen Gottes Wort zu bringen (31). So wie hier ist dem Autor im ganzen Buch das stete Bemühen anzumerken, jeden Aspekt seines Seelsorgekonzeptes im Wort Gottes zu gründen. Diese Betonung von Gottes Wort ist sehr zu begrüßen, wenn auch leider eine Auseinandersetzung mit den vielen anderen Seelsorgekonzepten, die das nicht oder nur unzureichend tun, unterbleibt.

Wie aber wird nun das Wort Gottes in der Seelsorge angewendet? Tripp weist richtigerweise darauf hin, dass die Bibel nicht als bloßes Nachschlagewerk benutzt werden sollte, sondern in dem man die Heilsgeschichte Gottes erzählt und die Bibel als zusammenhängendes Ganzes versteht: „Diese übergreifende Geschichte zeigt, dass das urmenschliche Problem tiefer geht als unsere Alltagssünden, die Verursacher unserer Alltagsprobleme, die unser Leben so kompliziert machen. Unser größtes Problem ist es, dass wir unsere Identität außerhalb der Erlösungsgeschichte suchen (37). Tripp macht hier m.E. auf ganz entscheidende hermeneutische Prinzipien aufmerksam, damit die Bibel wirklich recht gebraucht wird!

Dass Menschen nicht unabhängig sind, sondern wirklich Hilfe brauchen, legt Tripp in Kapitel 3 dar. Anhand von 1Mose 1-3 zeigt er, dass Gott den Menschen mit Kommunikationsfähigkeiten, mit der Fähigkeit zum Denken und als Anbeter geschaffen hat. Tripp schlussfolgert: „Menschen brauchen eine Wahrheit von außerhalb, damit sie ihrem Leben einen Sinn geben können. Wir brauchen die Perspektive Gottes. (55). Hören wir nicht auf Gottes Wort, ist nach Tripp die einzige Alternative, dass wir einem anderen „Seelsorger“ folgen, der Schlange aus 1Mose 3.

Ansatzpunkt biblischer Seelsorge muss nach Tripp immer das Herz, d.h. der innere Mensch als der Kern unserer Persönlichkeit sein (69). Aus Lk 6,43-45 leitet der Autor drei wichtige Erkenntnisse ab. Er stellt erstens fest, dass es „eine eindeutige Verbindung zwischen Wurzel und Frucht, zwischen unserem Herzen und unserem Verhalten“ (75) gibt. Menschen handeln entsprechend dem, was in ihrem Herzen ist. Deshalb kann es grundlegende Veränderung nur geben, wenn sich das Herz verändert (75). Aus diesem Grund muss biblische Seelsorge auf das Herz abzielen (75).  Wenn der Mensch nun falsch handelt ist die Ursache, dass er einen Götzen in seinem Herzen hat: „Ein Götze im Herzen ist alles, was in meinem Leben die beherrschende Stellung einnimmt, die eigentlich Gott haben sollte.“ (76). Biblische Seelsorge ist darum ein Kampf um das Herz (81). Einerseits wird das menschliche Herz von Götzen erobert, indem sich oftmals legitime Wünsche in uns schnell zu Forderungen, Bedürfnisse und Erwartungen verwandeln (95-97). Andererseits gilt es in der biblische Seelsorge neben dieser „Alltagswirklichkeit des Kriegs um das Herz“ (103), auch die Wirklichkeit unserer „Identität als Kind Gottes und der Kraftquellen“, (103) die damit verbunden sind, im Blick zu behalten. Dann kann uns geholfen und der Krieg um das Herz gewonnen werden.

Man kann Tripp dankbar sein, dass er auf über 100 Seiten diese wichtigen theologischen Grundlagen für die Seelsorge so gründlich und gut nachvollziehbar herausarbeitet. Da es auf diesem Gebiet große Unkenntnis gibt, ist unbedingt nötig, dass Christen – und gerade Menschen, die anderen helfen wollen – diese grundlegendende Dinge klar erklärt bekommen: was das Evangelium ist, was die Sünde mit dem Menschen macht, wie das menschliche Herz funktioniert etc. Dieser Hauptteil ist aus meiner Sicht der stärkste Teil im Buch und macht schon alleine dieser Werk zu einer lesenswerten Lektüre.

Im nächsten Hauptteil erklärt Tripp nun vier Elemente des „biblischen Dienstes von Mensch zu Mensch“. Er betont, dass sich der „Seelsorger“ bei allem als ein Botschafter Christi verstehen soll: Er muss seine Botschaft weitergeben, er soll seine Methoden verwenden, er soll seinen Charakter widerspiegeln (119f). Die vier Elemente des „biblischen Dienstes von Mensch zu Mensch“ Lieben, Kennen, Sprechen, Tun sollen dazu eine Hilfe sein.

Den Nächsten zu lieben ist –wie zu erwarten war – auch für Tripp die Basis für den „Dienst von Mensch zu Mensch“. Dabei ist Gottes Beziehungsaufbau zu uns Menschen (Rechtfertigung und Adoption vor Heiligung) für Tripp Begründung und Vorbild dafür, wie wir „erlösende Beziehungen“ zu anderen Menschen aufbauen sollen: „Auch als Botschafter Christi müssen wir den Anfang machen, indem wir Beziehungen der Liebe, der Gnade und des Vertrauens zu anderen Menschen aufbauen.“ (134). Wie kann man nun solche „erlösenden Beziehungen“ aufbauen? Man soll a) „in die Welt des anderen eintreten“. Tripp betont, dass es hier entscheidend ist, sich auf die Person des anderen zu konzentrieren und nicht auf die Situation oder die Probleme (138-143). Des Weiteren geht es b) darum, „die Liebe Christi zu verkörpern“, also um die Herausforderung nicht nur „die Wahrheit zu sagen, sondern auch, deren echte, lebendige Veranschaulichung aus Fleisch und Blut zu sein.“ (147). Ferner ist der biblische Seelsorger gefordert c) „mit dem Leid des Anderen mitzuempfinden“. Er soll sich mit dem leidenden Menschen identifizieren, sich nicht über ihn stellen, sondern sich in Demut bewusst sein, dass beide eine gemeinsame Identität in Christus haben. (159-160). Schließlich soll er d) „den Anderen mit Gottes Augen sehen“, d.h. ihm mit derselben Akzeptanz zu begegnen, die er selbst von Gott empfangen hat (174).

Das zweite Element, den Anderen wirklich zu kennen, ist deshalb von so großer Bedeutung, da unser menschliches Zusammenleben häufig von großer Oberflächlichkeit geprägt ist (180). Genau wie Christus Mensch geworden ist, um unser menschliches Leben kennenzulernen, so muss auch der Seelsorger viel Mühe darauf verwenden, den anderen wirklich kennenzulernen. Vermutungen und Unterstellungen sind deshalb so problematisch, weil wir zwar oft ähnliche aber doch nicht identische Erfahrungen machen (186). Entscheidend ist nach Tripp darum, gute Fragen zu stellen (Was?, Wie?, Warum?, Wie oft/Wo?, Wann?) (195). Anschließend geht es darum, diese gewonnen Informationen sinnvoll nach biblischen Kriterien zu organisieren. Dazu schlägt Tripp die Einordung in die vier Kategorien Situation, Reaktion, Gedanken und Motive vor (206). Die in diesem Abschnitt genannten konkreten Fragen und die Vorschläge, wie man die Informationen verarbeitet, erscheinen mir sehr praxistauglich und hilfreich.

Im dritten Element „Sprechen“ geht es Tripp um Zurechtweisung bzw. Konfrontation mit der Wahrheit, damit sich etwas ändert (219). Da die meisten Menschen nichts Positives mit „Zurechtweisung“ verbinden, arbeitet Tripp zunächst ausführlich heraus, warum Zurechtweisung nötig ist und wie sie aussehen soll. Diese grundlegenden Ausführungen des Autors zu diesem unpopulären Thema in diesem Abschnitt sind – gerade in der heutigen Zeit – sehr lesenswert! Besonders aufrüttelnd ist Tripps Erklärung, warum die Konfrontation mit der Wahrheit häufig unterlassen wird. Tripp macht deutlich, dass wir eher subtile und passive (z.B. nachtragend sein) oder sogar aktivere Formen des Hasses (z.B. üble Nachrede, Rache) zulassen, statt auf gottgemäße Art mit der Sünde umzugehen, und den anderen mit der Wahrheit konfrontieren (225-228). Die Konfrontation mit der Wahrheit zu unterlassen, ist also gerade kein Zeichen der Liebe – wie man sich oft einredet – sondern ein Zeichen des Hasses. Tripp mahnt außerdem an, dass auch bei der Zurechtweisung das Evangelium nicht „draußen“ bleiben dürfe, vielmehr müssen beide Pole Trost/Rechtfertigung und Aufforderung/Heiligung betont werden: „Jeder Mensch braucht beide Seiten des Evangeliums, und zwar ständig! (239). Für die konkrete Umsetzung empfiehlt Tripp vier Schritte: a) Nachdenken – hier soll dem Anderen am besten durch Fragen geholfen werden, zu einem neuem Verständnis über sich selbst, Gott, andere oder das Leben zu kommen. b) Sündenbekenntnis – auch wenn es schwierig ist, soll es dem anderen nicht abgenommen werden oder abgeschwächt werden. c) Verpflichtung – als biblische Seelsorger müssen wir auch den Ruf Gottes nach konkreten Verpflichtungen deutlich aussprechen. d) Veränderung – hier geht es darum neue Gewohnheiten zu erlernen. So stark die grundlegenden Ausführungen in diesem Kapitel sind, so schwach sind auf der anderen Seite die Vorschläge für die praktische Umsetzung. Außer zu Punkt a) Nachdenken, bleibt Tripp weitgehend im Ungefähren. Es bleibt unklar, wie ich als Seelsorger den Anderen denn nun konkret bei den wichtigen – aber so schwierigen Dingen – wie Sündenbekenntnis, Verpflichtung und Veränderung anleite.

Als letztes Kernelement versteht Tripp das Tun: „Wir dürfen Einsicht und Veränderung nicht durcheinander bringen. Einsicht ist ein Beginn und ein Teil des Veränderungsprozesses, aber nicht das Ganze“ (269). Zunächst gilt es eine Agenda zu erstellen, also das Ziel (welche Veränderungen) und den Weg dorthin zu definieren. Erneut betont Tripp, dass dabei die Bibel die wichtigste Rolle spielt: Was sagt sie über die gesammelten Informationen? Welche Ziele Gottes gibt es für diesen Menschen in dieser Situation? Mit welchen bibelgemäßen Methoden können diese Ziele erreicht werden (273f)? Wichtig ist ferner, dem anderen klar aufzuzeigen, für welche Bereich er verantwortlich ist und in welchen Dingen er Gott vertrauen soll. Tripp arbeitet überzeugend heraus, dass Menschen entweder ihren Verantwortungsbereich vergrößern (und sich wie „Mini-Messiase“ verhalten und dann frustriert scheitern), oder ihren Verantwortungsbereich zusammenschrumpfen und Dinge unterlassen, zu denen Gott sie auffordert (280). Diese Unterscheidung ist so einfach, wie einleuchtend und dürfte sich in der Seelsorge als äußerst hilfreich erweisen. Auch während des laufenden Veränderungsprozesses ist der Seelsorger gefordert, kontinuierlich unsere Identität in Christus zu bekunden, und die Hoffnung und die Kraftquellen die damit verbunden sind, herauszustellen. Es ist Tripp anzumerken, dass er darum bemüht ist, sein Seelsorgemodell in jedem Bereich im Evangelium zu gründen – ein weiterer großer Pluspunkt in diesem Buch. Schließlich ist eine Rechenschaftsstruktur nötig, um dem anderen zu helfen, langfristig das Richtige zu tun (299f).

Insgesamt ist Tripps Werk ein sehr gutes grundlegendes Buch über biblische Seelsorge. Positiv sind vor allen Dingen die klare Orientierung an der Bibel, der am Evangelium orientierte Ansatz und die grundsätzliche Verankerung der Seelsorge als Teil der Jüngerschaft, für den alle in einer Gemeinde gebraucht werden. Deshalb wendet sich Tripp auch grundsätzlich mit seinem Buch an alle Christen, da Seelsorge bei ihm ja keine Aufgabe nur für die Spezialisten ist. Auch wenn das Buch gut lesbar, leicht verständlich und abwechslungsreich geschrieben ist, so stammen Tripps Beispiele meist doch aus seinem pastoralen Alltag und lassen sich auf den normalen Christen nicht ohne weiteres übertragen. Es wäre spannend etwas darüber zu erfahren, wie denn nun ein Christ, der keinen besonderen Seelsorgedienst hat, damit konkret beginnen kann, für seine Geschwister ein Werkzeug Gottes zu werden. Dennoch ist Tripps Buch ein hervorragendes einführendes Werk in die biblische Seelsorge und sollte aus den genannten Gründen von möglichst jedem Christen gelesen werden!

Gott geht mit!

Jakobs Treffen mit Laban liegt zurück und nun macht er sicher weiter auf Richtung Heimat. Dorthin, wo Gott ihm versprochen hatte, ihn wieder zurückzubringen als er vor seinem Bruder Esau fliehen musste. Und wie damals auf der Hinreise, als er in Bethel übernachtete und die Engel Gottes auf der Leiter auf- und niedersteigen sah, so macht er auch hier jetzt auf der Rückkehr eine ganz atemberaubende Erfahrung: „Und es begegneten ihm die Engel Gottes. Und als er sie sah, sprach er: Hier ist Gottes Heerlager, und nannte diese Stätte Mahanajim.“ (1Mose 32,2b-3) Eine Beschreibung von einem unglaublichen Ereignis, die kaum knapper sein könnte .Und wir sind wahrscheinlich neugierig, nach vielen Details: wie hast du die Engel gesehen Jakob?, Wie sahen sie aus? Haben sie etwas gesagt?

Aber wir erfahren das alles nicht. Wir erfahren nur das eine, was wirklich wichtig ist: Hier sind Gottes Engel, hier ist Begegnung mit dem Göttlichen, hier ist Gottes Gegenwart. Gott geht mit! Er ist dabei, wenn Jakob jetzt seine Reise fortsetzt. Gott geht mit, wenn Jakob jetzt wieder in seine Heimat zieht. Der Gott, der ihn die ganzen Jahre begleitet und bewahrt hat – auf der Reise hin zu Laban, im Dienst bei diesem schwierigen Onkel, zuletzt beim feindlichen Aufeinandertreffen mit ihm – dieser Gott, der stets Jakob begleitet und bewahrt hatte, er geht auch jetzt mit. Er ist auch jetzt mit dabei. Er ist Jakob treu, auf ihn ist Verlass. Gott ist gegenwärtig!

Zugegeben, nur zu gerne würde ich auch einmal solch eine Erfahrung machen. Einen Einblick bekommen in die geistliche Welt und einmal mit eigenen Augen sehen, wie Gott durch Engel, durch seinen Heiligen Geist oder ganz direkt in dieser Welt gegenwärtig ist und in meinem Leben wirkt. Aber solche Einblicke in diese geistlichen Dinge gewährt Gott nur in Ausnahmefällen. Für die meiste Zeit sind wir aufgefordert, einfach seinem Wort zu vertrauen, dass uns klipp und klar sagt, dass Gott mit uns geht. Auch wenn uns keine Engel begegnen und wir ihn nicht sehen. In Ps 23,4 heißt es: Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.“ Gott geht mit, er ist bei uns gerade in den finsteren Tälern. Er verlässt uns nicht. Und noch deutlicher sagt es Jesus Christus selbst: „Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir; 28 und ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen.“ (Joh 10,27-28). Bei mir, sagt Jesus, hast du eine unglaubliche Sicherheit – trotz aller Bedrohungen und Gefahren, die dir richtig Angst machen können. Er sagt zu uns als seinen Jüngern: Ich bin bei dir, du bist mein, niemand wird dich jemals mir entreißen können.

Wenn du mehr über Gottes Treue in bedrohlichen Zeiten und wie man in Geduld an ihr festhalten kann, hören willst, dann hast du die Gelegenheit hier in meine Predigt „Bedrohliche Bedingungen – oder: wie Jakob Esau zu besänftigen versucht“ (1Mose 32,2-22) reinzuhören.