Jesus trug Gottes Zorn

„Als Jesus die Schuld unserer Sünden alleine trug, goss Gott der Vater, der mächtige Schöpfer, der Herr des Universums, auf Jesus die Glut seines Zornes aus: Jesus wurde zum Gegenstand des tiefen Hasses der Sünde und der Rache gegen die Sünde, die Gott geduldig seit dem Anfang der Welt aufgespart hatte.

Röm 3,25 sagt uns, dass Gott Christus als ein „Sühnopfer“ dargestellt hat; dieses Wort bedeutet „ein Opfer, das den Zorn Gottes bis ans Ende trägt und, indem es dies tut, Gottes Zorn gegen uns in Gunst verwandelt“. Paulus schreibt uns, dass dies geschah „um seine Gerechtigkeit zu erweisen, weil er die Sünden ungestraft ließ, die zuvor geschehen waren, als Gott Zurückhaltung übte, um seine Gerechtigkeit in der jetzigen Zeit zu erweisen, damit er selbst gerecht sei und zugleich den rechtfertige, der aus dem Glauben an Jesus ist.“ (Röm 3,25-26). Gott hatte in den vergangenen Generationen nicht einfach die Sünde vergeben und die Strafe vergessen. Er hatte Sünden vergeben und seinen gerechten Zorn gegen jene Sünden aufgespart. Doch am Kreuz entbrannte die Glut all jenes aufgesparten Zornes gegen die Sünde gegen Gottes eigenen Sohn in ihrer ganzen Heftigkeit.“

Wayne Grudem, Biblische Dogmatik: Eine Einführung in die Systematische Theologie, Bonn: VKW, 2013, 636.

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Psalm 22 – Jesu Leidenspsalm?

Ich sitze zur Zeit an meiner Karfreitagspredigt über Psalm 22, der gemeinhin als Psalm des Gekreuzigten bzw. Jesu Leidenspsalm gilt. Nicht zuletzt, weil Jesus selbst aus diesem Psalm am Kreuz zitierte und auch die Evangelisten an mehreren Stellen auf diesen Psalm Bezug nahmen. Ursprünglich ist dieser Psalm allerdings ein davidischer Psalm. In welchem Verhältnis steht nun die ursprüngliche Situation anlässlich der David diesen Psalm dichtete und die Passion Jesu? Dürfen wir überhaupt Jesu Leidensgeschichte von diesem Psalm her deuten?

Franz Delitzsch erklärt:

„Daß David, der von Samuel gesalbte, ehe er zum Throne gelangte, einen Leidensweg zu gehen hatte, der dem Leidenswege Jesu, des von Johannes getauften Davidssohnes, gleicht, und daß dieses typische Leiden Davids für uns in den Ps. wie in Spiegelbildern fixiert ist, das ist eine Veranstaltung göttlicher Mach und Gnade und Weisheit. Aber Ps. 22 ist doch  nicht bloß ein typischer. Denn in dem Wesen des Typus liegt der Abstand vom Antitypus. In Ps. 22 aber steigt David mit seinen Klagen in eine Tiefe hinab, die jenseits der Tiefe seines Leidens liegt, und steigt mit seinen Hoffnungen in eine Höhe hinau, die jenseits der Höhe seines Leidenslohnes liegt. Mit anderen Worten: die Redefigur der Hyperbel, ohne welche die poetische Diktion in den Augen des Semiten matt und fahl wäre, steht hier im Dienste des Geistes Gottes. Das hyperbolische Element wird dadurch zum prophetischen. Diese Steigerung des Typischen zum Prophetischen ist auch psychologisch nicht so unbegreiflich (…). Seit David mit dem Öle der Königsweihe und zugleich mit dem h. Geiste, dem Amtsgeiste des Königtums der Verheißung, gesalbt ist, sieht er sich selbst als Messias Gottes an, auf welchen die Verheißungen zielen, und vermöge dieser Selbstanschauung im Lichte des höchsten heilsgeschichtlichen Berufs idealisiert sich ihm die historische Wirklichkeit seiner Erlebnisse, und sowohl was er erlebt als was er erhofft gewinnt dadurch eine in die Geschichte des schließlich und wahrhaftigen Christus Gottes hinausreichende Tiefe und Höhe des Hintergrundes. Wir behaupten damit kein Überschwanken von seiner eignen Person zu der des künftigen Christus. Nein, sich selbst als den Christus Gottes ansehend, sieht er sich, wenn wir es erfüllungsgeschichtlich ausdrücken, in Jesu Christo an. Er unterscheides sich nicht von dem Künftigen, sondern sieht in sich selber den Künftigen, dessen Bild erst später sich von ihm ablöst und dessen Geschichte mit dem Überschwenglichen seiner Aussagen sich decken wird. Denn wie Gott der Vater die Geschichte Jesu Christi ratschlußmäßig gestaltet, so gestaltet sein Geist darauf hin auch die Selbstaussagen Davids, des Typus des Künftigen. Durch diesen Geist, welcher der Geist Gottes und des künftigen Christus zugleich ist, hat Davids typische Geschichte, wie er sie in seinem Ps. und bes. diesem aussagt, jene ideale Vertiefung, Verklärung und Potenzierung erhalten, vermöge welcher sie weit über ihren typischen Thatbestand hinausgeht, bis zu dessen ratschlußmäßiger Wurzel durchdringt und zum Worte der Weissagung erwächst, so daß sich gewissermaßen mit Recht sagen läßt, Christus rede hier durch David, inwiefern der Geist Chrisi durch ihn redet und das vorbildliche Leiden seines Ahns zum Darstellungsmittel seines künftigen eignen macht. Ohne Anerkennung dieses unumstößlichen Sachverhalts kann Ps. 22 weder verstanden noch nachempfunden werden.“

Worüber an Ostern predigen?

Feiertage wie Karfreitag und Ostern (aber natürlich auch Weihnachten) sind für jeden regelmäßigen Prediger eine besondere Herausforderung. Denn es gilt Jahr für Jahr dasselbe Thema, also die gleiche Hauptbotschaft, zu verkündigen. Natürlich mit verschiedenen Schwerpunkten, Akzentuierungen usw. – und dennoch bleibt es stets die gleiche Hauptbotschaft. Dazu kommt, dass annähernd jeder Predigthörer meint, diese Hauptbotschaft schon gut zu kennen.

Als Auslegungsprediger, der ich der festen Überzeugung bin, dass der Inhalt der Predigt stets einem konkreten Bibeltext entstammen sollte, beginnt die Themensuche also auch für Feiertage mit der Predigttextsuche. Welche Bibeltexte sind also passend für Karfreitag und Ostern? Natürlich denkt man zunächst an die Evangelientexte, die Jesu Sterben und Auferstehung berichten. Aber darüber hinaus gibt es noch jede Menge mehr… Ich denke, wenn man bei der Textwahl etwas Abwechslung hineinbringt, kann man auch den oben geschildertern Herausforderungen besser begegnen.

Karfreitag und Ostern – kurze persönliche Bilanz

Ich bin inzwischen in meinem sechsten Dienstjahr und habe mal eine Übersicht erstellt, worüber ich bisher Karfreitag und Ostern gepredigt habe:

  Karfreitag Ostern  
2012 Hebr 9,15-28 (PO IV) 1Kor 15,12-19 (PO II, Ostermontag)  
2013 Joh 11,1-53 Kol 3,1-4 (PO II, Osternacht)  
2014 1Petr 2,21-25 1Kor 15,1-7 (PO II)  
2015 Lk 23,26-49 (PO III) Lk 24,13-35 (PO I, Ostermontag) Abschluss einer Predigtreihe in der Passionszeit über ausgewählte Texte des Lk
2016 Kol 1,19-20 1Petr 3,1-5

Hinweis: PO steht für die Perikopenordnung der Evangelischen Kirchen. Ich greife äußerst selten auf Textvorschläge dieser Ordnung zurück. An Feiertagen allerdings – wie man oben sieht – schon etwas häufiger als sonst 😉

Einige Beobachtungen

Mir fällt auf, dass ich bisher relativ häufig über Brieftexte gepredigt haben (3x Karfreitag, 4x Ostern), die das Geschehene reflektieren und theologisch deuten.

Mir fällt weiter auf, dass ich nur 2015 im Rahmen einer Predigtreihe über Evangelientexte gepredigt habe, die das Geschehene von Karfreitag und Ostern direkt berichten.

Außerdem fällt mir auf, dass ich noch über keinen einzigen AT-Text gepredigt habe.

Mir fällt auf, dass die Texte von Karfreitag und Ostern im Regelfall nicht aufeinander abgestimmt sind und aufeinander aufbauen (Ausnahme 2015).

Und schließlich fällt mir auf, dass es bisher noch keine Doppelung gab (was ich auch bewusst zu vermeiden suche).

Einige Überlegungen

Ich könnte mehr Abwechslung in meine Predigten bringen, indem ich mehr Evangelientexte und vor allen Dingen auch mal AT-Texte zu Karfreitag und Ostern wähle. Letzteres bewegte mich schon vor einigen Monaten. Ich werde damit dieses Jahr beginnen und zu Karfreitag über Psalm 22, der als der Psalm des Gekreuzigten gilt, predigen. Für Ostern habe ich Psalm 18 gewählt. Es ist spannend zu überlegen, welche AT-Texte noch geeignet wären… Denn besonders Ostern und AT – das scheint ja auf den ersten Blick nicht so richtig zusammenzupassen 😉

Es stellt sich mir die Frage, ob ich in Zukunft die Texte für Karfreitag und Ostern aufeinander bezogen auswählen sollte oder gleich in eine längere oder kürze Predigtreihe einbauen sollte. 2015 habe ich das durchaus positiv in Erinnerung. Vielleicht werde ich das im nächsten Jahr wieder mal so machen…

Zum Schluss eine Frage: Über welchen (ungewöhnlichen) Text ließe es sich noch gut an Karfreitag oder Ostern predigen? Vielleicht hat ja der eine oder andere Vorschläge – solche Anregungen find ich immer sehr spannend!