Wer Gottes Ruf hört, muss etwas wagen und ihm folgen

„Und es kamen vor ihn die Reden der Söhne Labans, daß sie sprachen: Jakob hat alles Gut unseres Vaters an sich gebracht, und nur von unseres Vaters Gut hat er solchen Reichtum zuwege gebracht. 2 Und Jakob sah an das Angesicht Labans, und siehe, er war gegen ihn nicht mehr wie zuvor. 3 Und der HERR sprach zu Jakob: Zieh wieder in deiner Väter Land und zu deiner Verwandtschaft; ich will mit dir sein.“ (1Mose 31,1-3)

Gott meldet sich bei Jakob zu Wort. Er spricht zu ihm durch klare Worte (V. 3), aber auch durch die sich verändernden Lebensumstände (V. 1-2). Und Jakob? Er ist an dieser Stelle  wirklich mal ein echt gutes Vorbild. Denn er folgt gehorsam Gottes Ruf – er wagt es! Ja, es ist beachtlich, dass er sofort – ohne zu zögern – reagiert. Er hörte das Reden Gottes, und dann heißt es direkt im Anschluss: „Da sandte Jakob hin und ließ rufen Rahel und Lea.“ (V. 4). Hier gibt es keinen Aufschub, hier ist kein Zögern, hier gibt es kein Abwägen mehr, keine Pro-und-Contra-Liste. Jakob schläft auch keine Nacht mehr drüber. Nein, wenn Gottes Ruf uns ereilt hat, dann gilt es auch sofort zu reagieren und dem Gehörten Taten folgen zu lassen. Selbst dann, wenn Gottes Wort zu folgen, uns etwas kostet. Ja, wer Gottes Ruf hört, muss etwas wagen und ihm folgen!

Machen wir es dann nicht so, wie es sich manche morgens mit dem Wecker angewöhnt haben. Klingelt der Wecker, so wird sofort die Schlummer-Taste gedrückt…. „Nur noch einmal umdrehen, nur noch 5 oder 10 Minuten liegen.“ Klingelt der Wecker erneut, so wird wiederum die Schlummer-Taste bedient. Und so geht das dann eine ganze Zeit.Aber wird’s dadurch wirklich einfacher aufzustehen? Womöglich fallen wir in die nächste Tiefschlafphase und kommen dann gar nicht mehr aus dem Bett. Ganz genauso ist es, wenn Gottes Ruf uns ereilt, wenn wir sein Wort hören, wenn wir seine Aufforderung an uns vernehmen. Dann dürfen wir nicht die geistliche Schlummer-Taste bedienen, nicht die Sache noch rausschieben. Nein, wenn Gottes Wort uns etwas klar sagt, dann gilt es zu folgen, die Sache umzusetzen, sofort aktiv zu werden.

Mehr darüber und warum es sich lohnt, Gottes Ruf gehorsam zu folgen, erfährst du in meiner Predigt „Gewagter Gehorsam – oder wie Gott Jakob in großer Gefahr bewahrt“ (1Mose 31,1-32,1), in die du hier reinhören kannst. 

Gottes Wort hören und TUN – zum Monatsspruch für Februar

Es ist das Wort ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tust. (5Mose 30,14)

Jakobus erzählt uns in seinem Brief von einem Mann, der sich selbst im Spiegel betrachtet. Anschließend geht er davon und vergisst sein Aussehen augenblicklich (vgl. Jak 1,23-24). Ein absurdes Beispiel mit dem Jakobus uns verdeutlichen will, wie unsinnig und widersprüchlich es ist, Gottes Wort zwar zu hören, aber nicht danach zu handeln. Genauso wie der Mann, der sich im Spiegel selbst betrachtete, sich selbstverständlich auf einem Foto wiedererkennen würde, so sollte auch derjenige, der das Wort des allmächtigen Gottes vernommen hat, danach sein Leben ausrichten.

Der Monatsvers für Februar betont nun, dass Gottes Wort uns wirklich nahegekommen ist. Dieser Vers hebt hervor, dass Gott wirklich geredet hat und dass wir sein Reden kennen. Ja, Gott hat uns in seiner Güte sogar ein Buch – die Bibel – gegeben, in dem wir sein Reden verschriftlicht finden. Wir können es nachschlagen, studieren und auswendig lernen. Ja, wir führen seine Worte oft sogar im Munde und haben sie bereits in unser Herz aufgenommen, wie Mose schreibt. Gott hat sich uns offenbart, er hat gesprochen, wir kennen sein Wort.

Das ist wunderbar und das bedeutet auch, dass es keine Ausrede gibt, Gottes Gebot nicht zu folgen. Gottes Wille ist uns eben nicht verborgen. Darüber, was Gott sich von uns wünscht, müssen wir nicht spekulieren oder Vermutungen anstellen. Nein, Gott hat sich uns klar und verständlich mitgeteilt. Und zwar mit einem Ziel: dass wir sein Wort tun!

Als evangelische Christen wird uns an diesem Punkt leicht etwas mulmig zu Mute. Womöglich denken wir sofort daran, dass wir als sündhafte Menschen doch niemals in der Lage sein werden, Gott vollkommen gehorsam zu leben. Und dass wir von Vergebung und Gnade leben und uns das Heil nicht verdienen können. Das stimmt natürlich und das ist gute reformatorische Lehre!

Und dennoch dürfen wir hier das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Es ist falsch, Gottes Gebote und seine Forderung nach Gehorsam sofort mit dem Verweis auf Gnade und Vergebung glattzubügeln. Nein, Gottes Wort ist uns gegeben, damit wir es tun. Jesus Christus ist in unser Leben getreten, damit wir verändert werden. Den „alten Menschen“ gilt es abzulegen und den „neuen Menschen“ anzuziehen (vgl. Eph 4,22ff). Und der Heilige Geist wohnt in uns, um uns dabei zu helfen. Er ist es auch, der beides, das Wollen und das Vollbringen“ (Phil 2,13) in uns wirkt.

Natürlich werden wir noch scheitern. Wir werden – wenn wir ehrlich mit uns sind – uns ab und an als Übertreter von Gottes Wort ertappen. Dann dürfen wir Jesus Christus um Vergebung bitten und wir dürfen erfahren, dass es tatsächlich keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind“ (Röm 8,1) gibt.

Wie ist die Bibel entstanden?

Auch theologisch konservative Christen glauben nicht, dass die Bibel einfach fertig vom Himmel gefallen ist. Nein, sie ist über einen längeren Zeitraum in einem vielschichtigen Prozess entstanden. Im Folgenden skizziere ich diesen Prozess überblicksweise. Meine Gedanken geben im Großen und Ganzen wider, was ich in einer Jugendstunde vor kurzem zu diesem Thema gesagt habe.

1. Wer hat die Bibel geschrieben?

  • Einerseits Menschen: Die verschiedenen Bibelbücher stammen aus der Feder von vielen unterschiedlichen Autoren: Mose, Samuel, Lukas, Paulus, Johannes und viele mehr. Von einigen wenigen Büchern wissen wir überhaupt nicht, wer sie geschrieben hat (z.B. Hiob oder Hebräer), bei manchen anderen Büchern gibt es nur mehr oder weniger stimmige Vermutungen. Insgesamt geht man davon aus, dass die biblischen Bücher von ca. 40 verschiedenen Menschen verfasst wurden.
  • Andererseits Gott: In Hebr 1,1 lesen wir davon („Nachdem Gott vorzeiten vielfach und auf vielerlei Weise geredet hat zu den Vätern durch die Propheten“), dass Gott einen Offenbarungsprozess angestoßen hat. 2Tim 3,16 („Denn alle Schrift, von Gott eingegeben, ist nütze zur Lehre, zur Zurechtweisung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit“) zeigt uns, dass die ganze Schrift von Gott kommt.

Wie passt nun beides, dass sowohl Menschen als auch Gott als Verfasser der Bibel zu gelten haben, zusammen?

Christen glauben, dass das durch einen Prozess möglich wurde, den man Inspiration nennt. Dass die Bibel inspiriert ist, haben viele sicher schon oft gehört, aber was bedeutet das genau? Inspiration könnten wir wie folgt definieren (angelehnt an C. Ryrie):

„Gottes Befähigung der menschlichen Verfasser der Bibel, damit sie, unter Verwendung ihrer eigenen Persönlichkeit, Gottes Offenbarung an Menschen ohne Irrtümer oder Fehler verfassen und aufschreiben konnten.“

In dieser Definition wird deutlich, dass Gott der Handelnde ist. Er befähigte die Verfasser der Schrift, die Inspiration ging also von ihm aus. Es wird außerdem klar, dass mit Inspiration keine Diktat-Inspiration gemeint ist. D.h. die Verfasser der Bibel waren nicht irgendwie in Trance oder haben ohne ihr Bewusstsein irgendetwas niedergeschrieben, das sie nicht verstanden haben. Sie waren nicht nur menschliche Schreibmaschinen, derer sich Gott bedient hat. Nein, vielmehr haben sie auch ihre eigene Persönlichkeit, ihren Hintergrund etc. eingebracht. Darum haben wir beispielsweise Teile in der Bibel, die in einfacher Sprache oder gehobener Sprache verfasst wurden. Und dennoch ist der Inhalt dessen, was sie niederschrieben, ohne Einschränkung Gottes Offenbarung. Es sind seine Inhalte, seine Ideen, die wir in der Bibel finden.

Interessant in diesem Zusammenhang ist Lk 1,1-4, wo Lukas beschreibt, wie er vorgegangen ist, um sein Werk zu verfassen. Er beschreibt dort, dass er sorgfältig recherchiert hat, Augenzeugen befragt und wohl auch andere Quellen zu Rate gezogen hat. Ja, Lukas hat seine eigene Persönlichkeit, seine Fähigkeiten etc. verwendet und dennoch ist sein Werk Gottes Offenbarung an uns Menschen.

2. Wann wurde die Bibel geschrieben?

Ganz grob kann man sagen, dass die Bibel über einen Zeitraum von etwa 1500 Jahren, nämlich von 1400 v. Chr. bis 90 n. Chr. geschrieben wurde. Die ältesten Bücher im AT sind die Mosebücher (möglicherweise auch Hiob). Im NT sind die Evangelien vermutlich 60-90 zu verorten und die Paulusbriefe von 51-66. Der Jakobusbrief ist möglicherweise das älteste Buch im NT (Mitte der 40er), die Offenbarung des Johannes mit großer Sicherheit das jüngste Buch.

3. Wie wurde die Bibel zusammengestellt?

Die Bibel ist im Grunde nicht nur ein Buch, sondern eine Sammlung von 66 verschiedenen Büchern. Wie kam es nun dazu, gewisse Bücher in diese Sammlung (man nennt das Kanon) der für den Glauben verbindlichen Schriften aufzunehmen und andere zu verwerfen?

Ich gehe an dieser Stelle nicht darauf ein, wie es zum einheitlichen AT-Kanon kam. Es genügt uns festzuhalten, dass dieser zu Jesu Zeiten vorlag und von ihm anerkannt wurde. Wie aber kam es nun zum NT-Kanon?

Schon sehr früh gab es in den ersten Gemeinden Sammlungen von Paulusbriefen, Evangelien und anderen neutestamentlichen Büchern. Ebenfalls sehr früh gab es große Einigkeit darüber, welche dieser Bücher als für den Glauben verbindliche Schriften anzusehen seien. Als Kriterien, welche der vielen in den christlichen Gemeinden kursierenden Schriften in den NT-Kanon aufzunehmen seien, waren besonders zwei ausschlaggebend:

  • Wurde die entsprechende Schrift von einem Apostel bzw. Apostelschüler verfasst? Hat sie also einen glaubwürdigen Ursprung?
  • Ist der Inhalt der Schrift christuszentriert und entspricht er dem überlieferten Glauben?

Es ist erstaunlich, dass bereits um 200 n. Chr. im Großen und Ganzen Klarheit und Einigkeit darüber besteht, welche Schriften zum NT gehören und welche nicht dazugehören. Für das Jahr 367 n. Chr. ist schließlich nachweisbar, dass man sich darüber einig war, dass genau die 27 Schriften zum NT gehören, die auch wir heute in unseren Bibeln finden.

4. Wie wurde die Bibel überliefert?

Kann man heute noch beispielsweise die Schriftrolle mit dem 1. Korintherbrief irgendwo im Museum besichtigen? Nein, von allen biblischen Schriften gibt es leider keine Originale mehr, sondern nur noch Abschriften. Da stellt sich die Frage, ob die biblischen Schriften in diesem Abschreibeprozess auch korrekt überliefert wurden und wir ihnen vertrauen können.

Erstaunlich ist, dass es über 5000 verschiedene Schriftstücke vom NT gibt. Die meisten überliefern zwar nur kleine Textabschnitte, manche aber auch längere Textabschnitte. Es gibt jedenfalls von jeder ntl. Passage eine Vielzahl unterschiedlicher Schriftstücke, so dass das NT als das mit riesigem Abstand am besten überlieferte literarische Werk der Antike gilt.

Bemerkenswert sind in diesem Zusammenhang auch die sogenannten Qumranrollen, die man nach dem Zweiten Weltkrieg fand – Schriftrollen mit alttestamentlichen Texten. Man stellte fest, dass es nur wenig textliche Unterschiede zu den deutlich jüngeren Schriftstücken gab, die man bisher hatte.

Insgesamt kann man festhalten, dass die Bibel außerordentlich gut und sorgfältig überliefert wurde. Weit über 99% des Bibeltextes sind gesichert überliefert und dort wo es doch kleine Unsicherheiten gibt, berühren diese keine inhaltlichen Gesichtspunkte.

5. Wir haben guten Grund der Bibel zu vertrauen

Es ist nicht nur irgendwie von allgemeinem Interesse, darüber Bescheid zu wissen, wie die Bibel entstanden ist. Ich meine, die Entstehungsgeschichte der Bibel zeigt uns auch, dass wir gute Gründe haben der Bibel zu vertrauen. Sie ist nicht von irgendwelchen Klerikern im Mittelalter verfälscht worden – wie manche populären Verschwörungstheoretiker behaupten -, sondern sie wurde extrem sorgfältig überliefert. Die ersten Christen waren auch nicht dumm oder leichtgläubig, sondern haben sorgsam abgewogen, welche Schriften als Heilige Schrift anzuerkennen sind. Und die Inspirationslehre ist auch kein verrücktes Dogma, das die menschliche Seite der Bibel nicht ernst nimmt. Wenn Christen also glauben, dass die Bibel Gottes Wort ist, ist das kein Lehrsatz den sie gegen jede Vernunft blind glauben müssen. Nein, es gibt gute, nachvollziehbare Gründe dafür.

Wenn dich dieses Thema mehr interessiert und du hier noch viel tiefer einsteigen willst (ich habe mehr oder weniger hier nur an der Oberfläche gekratzt), dann sei dir folgendes Buch empfohlen: D. A. Carson / D. J. Moo, Einleitung in das Neue Testament, Brunnen, 2010.

Die Quelle allen Segens ist Gott

Manchmal haben zwei Menschen unabhängig voneinander dieselbe Erkenntnis. So ist es auch bei Jakob und Laban. Als Jakob seinen Schwiegervater Laban nach vielen Jahren des Dienstes verlassen möchte, ist dieser ganz entschieden dagegen. Und zwar nicht aus emotionalen Gründen, sondern er hat ein ganz anderes Interesse: „Ich spüre, dass mich der Herr segnet um deinetwillen“ (1Mose 30,27). Bemerkenswert ist nun, dass Jakob zu der gleichen Einschätzung kommt. Er betont gegenüber Laban: „Du hattest wenig, ehe ich herkam; nun aber ist’s geworden zu einer großen Menge, und der Herr hat dich gesegnet auf jedem meiner Schritte.“ (1Mose 30,30)

Laban und Jakob haben hier eine gemeinsame ganz wichtige Erkenntnis: Die Quelle allen Segens ist Gott! Der Segen mag durch Menschen – wie hier Jakob – oder günstige Umstände zu uns kommen. Aber letztendlich ist der Ursprung bzw. die Quelle jeden Segens Gott selbst. Es ist eben genauso, wie es in dem Erntedanklied „Wir pflügen und wir streuen“ heißt: „Es geht durch unsere Hände, kommt aber her von Gott.“ Menschen sind beteiligt, manchmal sind Institutionen sind beteiligt, manchmal sind die Umstände besonders günstig. Und dennoch: die Quelle jeden Segens ist Gott selbst. Es ist eine ganz wichtige Erkenntnis hier von Jakob und Laban. Aber die rechte Erkenntnis haben ist das eine, entsprechend dieser dann auch noch zu leben, ist schon etwas ganz anderes….

Wenn du mehr darüber erfahren möchtest, dann hör hier rein in meine Predigt über 1Mose 30,25-43 „Festes Vertrauen – oder: wie Gott seine Verheißungen treu erfüllt.“

Entmutigungen überwinden

„Leiden führt zu Entmutigungen, weil wir so ungeduldig sind. „Ach!“, klagen wir, „niemals werde ich solch eine Prüfung durchstehen können!“ Doch wenn Gott uns in die Prüfung hineinführt, ist er auch in der Prüfung bei uns und wird uns letztendlich geläuterter wieder aus ihr hinausbringen. Außer Schlacke werden wir nichts verlieren. Aus unserer eigenen Stärke heraus ertragen wir nicht einmal das kleinste Übel, aber durch den Beistand des Geistes können wir das größte Leid ertragen. Der Geist leiht uns seine Schulter und hilft uns, unsere Schwächen zu ertragen. „Fällt er, so wird er nicht hingestreckt liegen bleiben; denn der Herr stützt seine Hand.“ (Ps 37,24). „Von Hiobs standhaftem Ausharren habt ihr gehört“, sagt Jakobus (Jak 5,11). Wir haben auch von seiner Ungeduld gehört, aber Gott gefiel es, mit Barmherzigkeit darüber hinwegzusehen. Es ergibt sich auch Trost aus der Tatsache, dass in verzweifelten Umständen, wie z.B. ansteckenden Krankheiten und ähnlichem, in denen wir ganz unmittelbar unter der Hand Gottes sind, gerade dann Christus neben unserem Bett einen Thron der Gnade hat und er unsere Tränen zählt und unser Seufzen hört.“

Richard Sibbes, Geborgen in Ihm, Friedberg: 3L, 2007, 78f.

Warum ich fortlaufende Bibeltexte predige IV

Hier, hier und hier habe ich bereits ein paar Gründe genannt, warum ich vorwiegend fortlaufend ganze Bibelbücher oder größere Bibelabschnitte predige. Einerseits, damit nicht nur populäre Lieblingsstellen zur Sprache kommen, sondern der ganze Ratschluss Gottes (vgl. Apg 20,27) gepredigt wird. Anderseits auch, weil fortlaufendes Predigen es besonders gut ermöglicht, die großen Linien in der Schrift zu verstehen. Insofern entspricht fortlaufendes Predigen dem Charakter der Schrift. Ferner ist fortlaufendes Predigen eine permanente Erinnerung daran, dass Gottesdienstbesuch jede Woche sein sollte.

Die ganze Schrift zeugt von Christus

Ein weiterer Grund, warum ich das fortlaufende Predigen (man nennt das lectio continua) bevorzuge, besteht in der Chance gemeinsam mit der Gemeinde zu entdecken, wie die ganze Heilige Schrift – auch das AT – von Jesus Christus und seinem Evangelium zeugt.  Das wird nur schwer möglich sein, wenn man nur mal hier und dort einen Vers herauspickt. Aber es ist so wichtig! Denn Jesus Christus selbst stellt fest: „Ihr sucht in der Schrift, denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darin; und sie ist’s, die von mir zeugt“ (Joh 5,39). Und die Emmausjünger machten eine ganz beeindruckende Erfahrung mit dem auferstandenen Jesus: „Und er fing an bei Mose und allen Propheten und legte ihnen aus, was in der ganzen Schrift von ihm gesagt war.“ (Lk 24,27).

Das bedeutet, dass es nicht nur irgendwie schade ist, wenn weite Teile der Schrift (und meistens wirds vor allem das AT sein) nie gepredigt werden. Nein, wir verpassen dann einen großen Teil dessen, was Gott über sich selbst, seinen Sohn Jesus Christus und das Evangelium uns offenbart hat. Auch der Fernsehzuschauer hat doch definitiv etwas verpasst, wenn er zu spät einschaltet. Und zwar selbst dann, wenn er die letzte halbe Stunde des Films sich viermal anschauen würde. Genauso können wir das Verpasste an Gottes Selbstoffenbarung auch nicht dadurch wieder gutmachen, indem wir andere Teile der Schrift (meist die Evangelien, einige Briefe) besonders häufig und intensiv thematisieren. Nein, wenn weite Teile der Schrift nie gepredigt werden, dann haben wir definitiv etwas von Gottes Selbstoffenbarung verpasst. Und das ist ein Problem!

Die Predigt soll in schwierige Bereiche hineinführen

Noch ein anderer Aspekt spielt hier eine Rolle. Es ist nicht immer ganz leicht zu verstehen, wie vor allem große Teile des AT von Jesus Christus zeugen. Viele ernsthafte Christen tun sich schwer damit zu erkennen, welche Bedeutung diese Texte für ihr Leben haben. Als Prediger haben wir darum eine besondere Verantwortung, die Gemeinde geradet in solche Bereiche der Schrift hineinzuführen und ihnen zu zeigen, inwiefern tatsächlich die ganze Schrift von Christus zeugt und im Bezug zum Evangelium steht.

Gott fordert nicht mehr als er gibt

„Wir müssen eingestehen, dass Gott im Gnadenbund die Wahrheit der Gnade fordert und nicht nur ein gewisses Maß. Ein Funke Feuer ist genauso Feuer wie das ganze Element. Daher müssen wir die Gnade genau in dem Funken wie in der Flamme erkennen. Alle haben zwar nicht die gleiche Stärke, aber „den gleichen kostbaren Glauben“ (2Petr 1,1) durch den sie die vollkommene Gerechtigkeit Christi ergreifen und anziehen. Eine schwache Hand kann ein wertvolles Juwel hateln. Ein paar Weintrauben werden zeigen, dass die Pflanze ein Weinstock und kein Dornenstrauch ist. Es ist eine Sache, in der Gnade unzulänglich zu sein; eine andere ist es, ganz und gar der Gnade zu ermangeln. Gott weiß, dass wir nichts von uns selbst haben. Deswegen fordert er auch im Gnadenbund nicht mehr ein als er gibt. Aber er gibt, was er einfordert und nimmt an, was er gibt: „Kann sie aber den Preis eines Schafes nicht aufbringen, so nehme sie zwei Turteltauben“ (3Mose 12,8). Was ist das Evangelium anderes als eine barmherzige Entlastung, in welchem der Gehorsam Christi als der unsrige angesehen wird und unsere Sünden auf ihn gelegt werden, ja, worin Gott von einem Richter zum Vater wird, der uns unsere Sünden vergibt und unseren Gehorsam trotz Schwäce und Befleckung anerkennt!“

Richard Sibbes, Geborgen in Ihm, Friedberg: 3L, 2007, 60.

Jetzt wird’s konkret!

Ich habe heute Epheser 4 gelesen. Dort heißt es in V. 17: „So sage ich nun und bezeuge in dem Herrn, daß ihr nicht mehr leben dürft, wie die Heiden leben in der Nichtigkeit ihres Sinnes.“ 

Eine klare Aufforderung

Paulus unterscheidet hier deutlich zwischen Heiden und Christen. Darüberhinaus formuliert er eine glasklare Aufforderung an die Christen. Er redet nicht lange um den Brei herum und ist auch nicht sehr diplomatisch. Nein, es ist eins für Paulus klar und das sagt er auch ganz klar: Christen sollen ihren Lebensstil verändern! Glaube muss eben Auswirkungen auf unser Leben haben. Und das hat auch damit zu tun, dass wir unser Verhalten ändern. Das ist uns vom Apostel hier und darüberhinaus an vielen anderen Stellen der Schrift klar geboten! Es ist darum ein Irrweg, ein „Evangelium“ zu verkünden, dass nur noch Stichworte wie Gnade, Liebe und Annahme kennt.

Paulus macht es ganz konkret

Ja, natürlich, Gott nimmt in Jesus Christus die Sünder an, die zu ihm umkehren. Aber aus dem echten Glauben an Jesus Christus folgt auch ein verändertes Handeln. In Eph 4 finden wir das unter den Stichworten „Ablegen des alten Menschen“ (V. 22) und „Anziehen des neuen Menschen“ (V. 24). Dieser Abschnitt zeigt uns auch, dass so eine Veränderung nicht vollautomatisch stattfindet. Nein, dazu braucht es auch immer wieder Unterweisung und Verkündigung. Darum hat schon der Apostel Paulus es in Eph 4 auch richtig konkret gemacht ab V. 25 („Legt die Lüge ab“, „Wer gestohlen hat, der stehle nicht mehr“ usw…). Ob er sich damit beliebt gemacht hat? Gute Frage… Auch wir dürfen an dieser Stelle nicht kneifen. Gerade als Verkündiger ist es auch unsere Aufgabe, es mal richtig konkret zu machen… Ein Glaube jedenfalls, der keine Folgen hat, den hat schon Jakobus für tot erklärt (vgl. Jak 2,26). Und wer das für die biblische Evangelium hält, ist einem tödlichen Irrtum – so beliebt dieser auch sein mag – aufgesessen. Denn ohne Heiligung wird niemand den Herrn sehen (Hebr 12,14).

Das Beste für das Wichtigste

Manchmal sind es die kleinen Randbemerkungen, die einen aufhorchen lassen. So schreibt Ulrich Parzany folgendes über eine Gewohnheit im Essener Weigle-Haus während seiner Jugendzeit:

„Zwischen Weihnachten und Silvester fand im Weigle-Haus in jedem Jahr ein Bibelkurs für Mitarbeiter statt. Ein Referent wurde eingeladen und legte an fünf Abenden den gut zweihundert ehrenamtlichen Mitarbeitern Bibeltexte aus.“

Ulrich Parzany, Dazu stehe ich: Mein Leben, Holzgerlingen: SCM Hänssler, 2014, 25.

Zweierlei finde ich bemerkenswert:

  1. Es wurden Bibeltexte ausgelegt! Nicht die Schulung in Pädagogik, Jugendpsychologie und anderen vermeintlich besonders relevanten Dingen stand hier im Mittelpunkt (wobei Parzany an anderer Stelle davon berichtet, das es auch das gab), sondern die Auslegung der Hl. Schrift. Bis heute ist es so: Wer ein guter, fruchtbringender Mitarbeiter im Reich Gottes sein will, muss in Gottes Wort zu Hause sein. Die tiefgehende Beschäftigung mit Gottes Wort ist durch nichts zu ersetzen. Egal, ob ich Jugendmitarbeiter, Musiker, Gemeindebriefredakteuer oder irgendetwas anderes bin, ich brauche die nahrhafte Speise des Wortes Gottes.
  2. Es wurden die besten Tage des Jahres geopfert! Zwischen Weihnachten und Neujahr haben Schüler Ferien und auch viele andere haben frei. Eine tolle Gelegenheit zu verreisen, sich den Hobbys zu widmen, es einmal so richtig entspannt angehen zu lassen … oder eben auch diese geschenkte Zeit zu nutzen, um sich mit Gottes Wort eingehend zu befassen! Viel zu oft bin ich mit der Erwartung konfrontiert, dass lange Wochenenden, Brückentage und Schulferien auch gemeindefreie Tage sein sollen. Wie schade! Toll und vorbildlich finde ich hingegen, quasi diese „besten Tage des Jahres“ für diesen wertvollen Zweck zu investieren. Eine wirklich segenbringende Gewohnheit!

Warum ich fortlaufende Bibeltexte predige III

Hier und hier habe ich bereits zwei Gründe genannt, warum ich vorwiegend fortlaufend ganze Bibelbücher oder größere Bibelabschnitte predige. Einerseits, damit nicht nur populäre Lieblingsstellen zur Sprache kommen, sondern der ganze Ratschluss Gottes (vgl. Apg 20,27) gepredigt wird. Anderseits auch, weil fortlaufendes Predigen es besonders gut ermöglicht, die großen Linien in der Schrift zu verstehen. Insofern entspricht fortlaufendes Predigen dem Charakter der Schrift.

Gottesdienstbesuch sollte jeden Sonntag sein

Ein weiterer Grund, warum ich das fortlaufende Predigen (man nennt das lectio continua) bevorzuge, besteht in seinem pädagogischen Wert. Denn es erinnert die Gemeinde kontinuierlich daran, dass Gottesdienstbesuch grundsätzlich in jeder Woche sein sollte. Wer einen Sonntag nicht da ist, hat eben etwas verpasst (das gilt natürlich immer). Aber wenn in einer Gemeinde das fortlaufende Predigen üblich ist, wird es demjenigen eher bewusst werden („Huch, wir sind schon bei 1Mose 30 – vor 14 Tagen waren wir doch noch in Kapitel 28…“). Ich bin natürlich nicht so naiv zu glauben, allein durch dieses Vorgehen, jeden zum treuen Gottesdienstbesuch ermuntern zu können. Dennoch ist fortlaufendes Predigen ein stete Erinnerung daran, dass der wöchentliche Gottesdienstbesuch die Regel sein sollte. Eine Erinnerung, die wir in unserer Multioptionsgesellschaft mit ihren vielen Wahlmöglichkeiten auch am Sonntag morgen gut gebrauchen können.

Wer die ganze Predigtreihe hört, hat größeren Gewinn

Noch ein kurzer Aspekt: Dass bei fortlaufendem Predigen, die einzelnen Predigten aufeinaner aufbauen, entbindet den Prediger selbstverständlich nicht von der Verantwortung, jede einzelne Predigt so auszuarbeiten, dass sie in sich verständlich und stimmig ist. Nichtsdestotrotz wird derjenige, der alle Teile aufmerksam hört, größeren Gewinn haben, als derjenige, der nur einzelne Predigten hört. (Genau so ist es ja auch bei guten Filmreihen.) Auch das erhöht die Motivation, möglichst jeden Sonntag in den Gottesdienst zu gehen.