Wozu wir Menschen fähig sind

„Es fuhr aber der Satan in Judas, genannt Iskariot, der zur Zahl der Zwölf gehörte. Und er ging hin und redete mit den Hohenpriestern und mit den Hauptleuten darüber, wie er ihn an sie verraten könnte.“ (Lk 22,3-4)

Das ist doch eigentlich unglaublich! Judas Iskariot, einer der zwölf von Jesus selbst berufenen Jünger, wird zum Verräter. Er, der Jesus so viele Jahre aus nächster Nähe erlebt hatte, der seine große Taten sah, seine vollmächtigen Predigten hörte, der Jesus vermutlich persönliche Fragen stellte er schlägt sich auf einmal auf die andere Seite. Er öffnet sich dem Satan, geht zu den Hohenpriestern und schlägt ihnen einen Deal vor. Geld gegen eine günstige Gelegenheit, Jesus ohne viel Aufsehen verhaften zu können.

Was sollen wir darüber denken? War Judas ein besonders schlimmer Mensch – da er ja seinen Freund und Heiland verriet? War er dem Bösen besonders verfallen, war er gewissermaßen ein Monster?

Die Bibel zeigt uns, dass wir uns nicht über Judas erheben sollten. Wir sollten nicht verachtend denken „Wie kann er nur…“, sondern uns vielmehr bewusst sein, dass diese Neigung zum Bösen in jedem Menschen – auch in uns – steckt. Paulus warnt zurecht: „Wer meint, er stehe, mag zusehen, dass er nicht falle.“ (1Kor 10,12) Judas war kein besonders schlimmer Mensch, er war kein Monster. Nein, sein Beispiel zeigt uns, wozu wir Menschen alle – ausnahmslos – fähig sind: nämlich zum schlimmsten Verrat und den bösesten Taten. Der Mensch ist durch den Sündenfall völlig verdorben (man lese nur mal Römer 3,10ff).

Auch wenn wir heute in den Medien von den grausamsten Verbrechen lesen (ich erspare mir hier die Beispiele), taucht manchmal dieser Gedanke in uns auf: „Wer so etwas tut, ist doch gar kein Mensch, der muss ein Monster ein…!“ Nein, auch solche Taten zeigen uns auf schockierende Weise, zu was für Boshaftigkeiten wir Menschen alle grundsätzlich fähig sind.

Wir sollten uns also weder über Judas noch andere Menschen, die Schlimmstes auf dem Gewissen haben, erheben. Vielmehr sollten wir Gott dankbar sein, dass er uns durch sein gnädiges Wirken vor ähnlich schlimmen Taten bewahrt hat. Wir sollten, zweitens, wachsam auf unseren Wandel achten, dass wir nicht auch eines Tages fallen. Und vor allen Dingen müssen wir erkennen, dass wir als Menschen hoffnungslos verloren sind und einen Retter dringend brauchen! Gott sei Dank, dass er uns Jesus Christus gegeben hat, uns Menschen – die wir wie Judas und die grausamsten Verbrecher – zu jeder bösen Tat fähig sind.

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Als Adam und Eva von der verbotenen Frucht aßen

Was geschah eigentlich damals beim Sündenfall, als Adam und Eva von der verbotenen Frucht aßen? Greg Gilbert erklärt:

„Als Adam und Eva in die Frucht bissen, verletzten sie damit nicht nur irgendeinen willkürlichen Befehl – „Esst die Frucht nicht.“ Sie taten etwas viel Traurigeres und Schwerwiegenderes. Sie lehnten Gottes Autorität über sie ab und erklärten ihre Unabhängigkeit von ihm. Adam und Eva wollten, so wie die Schlange ihnen versprochen hatte, „wie Gott“ sein. Darum ergriffen beide die vermeintliche Gelegenheit, sich von der Vizeherrschaft zu befreien und sich selbst die Krone aufzusetzen. Im ganzen Universum gab es nur eines, das Gott Adam nicht unter die Füße gelegt hatt – Gott selbst. Doch Adam war dieses Arrangement nicht gut genug, also rebellierte er.

Das Schlimmste daran ist aber, dass Adam und Eva mit ihrem Ungehorsam gegen Gottes Gebot die bewusste Entscheidung trafen, ihn als ihren König abzulehnen. Sie wussten, wie die Konsequenzen aussehen würden, wenn sie ihm ungehorsam waren. Gott hatte ihnen klar und deutlich gesagt, dass sie, wenn sie von der Frucht äßen, „gewisslich sterben“ würden. Das bedeutete vor allem, dass sie aus Gottes Gegenwart vertrieben und zu seinen Feinden würden, statt seine Freunde und frohen Unternaten zu sein. Doch das war ihnen egal. Adam und Eva tauschten das Wohlwollen Gottes gegen das Streben nach ihrem eigenen Vergnügen und Ruhm ein.

Die Bibel nennt diesen Ungehorsam gegen Gottes Gebote – ob in Worten, Gedanken oder Taten – „Sünde“. Im wörtlichen Sinn bedeutet dieses Wort „Zielverfehlung“, doch die biblische Bedeutung von Sünde greift viel tiefer. Es ist nicht so, als hätten Adam und Eva sich sehr angestrengt, Gottes Gebot zu halten, und nur um ein paar Millimeter am Schwarzen vorbeigeschossen. Nein, Tatsache ist, dass sie in die entgegengesetzte Richtung schossen! Sie hatten Ziele und Wünsche, die dem kategorisch entgegenstanden, was Gott sich für sie wünschte, und so sündigten sie. Vorsätzlich verletzten sie Gottes Gebot, zerstörten ihre Beziehung mit ihm und lehnten ihn als ihren rechtmäßigen Herrn ab.“

Greg Gilbert, Was ist das Evangelium?, Waldems: 3L, 2011, 58f.

Warum die Historizität des Sündenfalls entscheidend ist

„Many have questioned the historicity of the fall, but it is important for us to maintain that it actually happened. (…) There are two possibilities: either sin is a component of human nature (as some have said, „Adam is everyman“) or it began after God had already established human nature, in a historical event. The first possibility leaves us without hope. For we can never escape our nature, and if sin is part of that nature, we can never escape sin or its consequences. But if sin came into the world through a historical event, it is possible for other events to reverse the first.

John N. Frame, Systematic Theology: An Introduction to Christian Belief, Phillipsburg: P&R, 2013, 853.