Wie ist die Bibel entstanden?

Auch theologisch konservative Christen glauben nicht, dass die Bibel einfach fertig vom Himmel gefallen ist. Nein, sie ist über einen längeren Zeitraum in einem vielschichtigen Prozess entstanden. Im Folgenden skizziere ich diesen Prozess überblicksweise. Meine Gedanken geben im Großen und Ganzen wider, was ich in einer Jugendstunde vor kurzem zu diesem Thema gesagt habe.

1. Wer hat die Bibel geschrieben?

  • Einerseits Menschen: Die verschiedenen Bibelbücher stammen aus der Feder von vielen unterschiedlichen Autoren: Mose, Samuel, Lukas, Paulus, Johannes und viele mehr. Von einigen wenigen Büchern wissen wir überhaupt nicht, wer sie geschrieben hat (z.B. Hiob oder Hebräer), bei manchen anderen Büchern gibt es nur mehr oder weniger stimmige Vermutungen. Insgesamt geht man davon aus, dass die biblischen Bücher von ca. 40 verschiedenen Menschen verfasst wurden.
  • Andererseits Gott: In Hebr 1,1 lesen wir davon („Nachdem Gott vorzeiten vielfach und auf vielerlei Weise geredet hat zu den Vätern durch die Propheten“), dass Gott einen Offenbarungsprozess angestoßen hat. 2Tim 3,16 („Denn alle Schrift, von Gott eingegeben, ist nütze zur Lehre, zur Zurechtweisung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit“) zeigt uns, dass die ganze Schrift von Gott kommt.

Wie passt nun beides, dass sowohl Menschen als auch Gott als Verfasser der Bibel zu gelten haben, zusammen?

Christen glauben, dass das durch einen Prozess möglich wurde, den man Inspiration nennt. Dass die Bibel inspiriert ist, haben viele sicher schon oft gehört, aber was bedeutet das genau? Inspiration könnten wir wie folgt definieren (angelehnt an C. Ryrie):

„Gottes Befähigung der menschlichen Verfasser der Bibel, damit sie, unter Verwendung ihrer eigenen Persönlichkeit, Gottes Offenbarung an Menschen ohne Irrtümer oder Fehler verfassen und aufschreiben konnten.“

In dieser Definition wird deutlich, dass Gott der Handelnde ist. Er befähigte die Verfasser der Schrift, die Inspiration ging also von ihm aus. Es wird außerdem klar, dass mit Inspiration keine Diktat-Inspiration gemeint ist. D.h. die Verfasser der Bibel waren nicht irgendwie in Trance oder haben ohne ihr Bewusstsein irgendetwas niedergeschrieben, das sie nicht verstanden haben. Sie waren nicht nur menschliche Schreibmaschinen, derer sich Gott bedient hat. Nein, vielmehr haben sie auch ihre eigene Persönlichkeit, ihren Hintergrund etc. eingebracht. Darum haben wir beispielsweise Teile in der Bibel, die in einfacher Sprache oder gehobener Sprache verfasst wurden. Und dennoch ist der Inhalt dessen, was sie niederschrieben, ohne Einschränkung Gottes Offenbarung. Es sind seine Inhalte, seine Ideen, die wir in der Bibel finden.

Interessant in diesem Zusammenhang ist Lk 1,1-4, wo Lukas beschreibt, wie er vorgegangen ist, um sein Werk zu verfassen. Er beschreibt dort, dass er sorgfältig recherchiert hat, Augenzeugen befragt und wohl auch andere Quellen zu Rate gezogen hat. Ja, Lukas hat seine eigene Persönlichkeit, seine Fähigkeiten etc. verwendet und dennoch ist sein Werk Gottes Offenbarung an uns Menschen.

2. Wann wurde die Bibel geschrieben?

Ganz grob kann man sagen, dass die Bibel über einen Zeitraum von etwa 1500 Jahren, nämlich von 1400 v. Chr. bis 90 n. Chr. geschrieben wurde. Die ältesten Bücher im AT sind die Mosebücher (möglicherweise auch Hiob). Im NT sind die Evangelien vermutlich 60-90 zu verorten und die Paulusbriefe von 51-66. Der Jakobusbrief ist möglicherweise das älteste Buch im NT (Mitte der 40er), die Offenbarung des Johannes mit großer Sicherheit das jüngste Buch.

3. Wie wurde die Bibel zusammengestellt?

Die Bibel ist im Grunde nicht nur ein Buch, sondern eine Sammlung von 66 verschiedenen Büchern. Wie kam es nun dazu, gewisse Bücher in diese Sammlung (man nennt das Kanon) der für den Glauben verbindlichen Schriften aufzunehmen und andere zu verwerfen?

Ich gehe an dieser Stelle nicht darauf ein, wie es zum einheitlichen AT-Kanon kam. Es genügt uns festzuhalten, dass dieser zu Jesu Zeiten vorlag und von ihm anerkannt wurde. Wie aber kam es nun zum NT-Kanon?

Schon sehr früh gab es in den ersten Gemeinden Sammlungen von Paulusbriefen, Evangelien und anderen neutestamentlichen Büchern. Ebenfalls sehr früh gab es große Einigkeit darüber, welche dieser Bücher als für den Glauben verbindliche Schriften anzusehen seien. Als Kriterien, welche der vielen in den christlichen Gemeinden kursierenden Schriften in den NT-Kanon aufzunehmen seien, waren besonders zwei ausschlaggebend:

  • Wurde die entsprechende Schrift von einem Apostel bzw. Apostelschüler verfasst? Hat sie also einen glaubwürdigen Ursprung?
  • Ist der Inhalt der Schrift christuszentriert und entspricht er dem überlieferten Glauben?

Es ist erstaunlich, dass bereits um 200 n. Chr. im Großen und Ganzen Klarheit und Einigkeit darüber besteht, welche Schriften zum NT gehören und welche nicht dazugehören. Für das Jahr 367 n. Chr. ist schließlich nachweisbar, dass man sich darüber einig war, dass genau die 27 Schriften zum NT gehören, die auch wir heute in unseren Bibeln finden.

4. Wie wurde die Bibel überliefert?

Kann man heute noch beispielsweise die Schriftrolle mit dem 1. Korintherbrief irgendwo im Museum besichtigen? Nein, von allen biblischen Schriften gibt es leider keine Originale mehr, sondern nur noch Abschriften. Da stellt sich die Frage, ob die biblischen Schriften in diesem Abschreibeprozess auch korrekt überliefert wurden und wir ihnen vertrauen können.

Erstaunlich ist, dass es über 5000 verschiedene Schriftstücke vom NT gibt. Die meisten überliefern zwar nur kleine Textabschnitte, manche aber auch längere Textabschnitte. Es gibt jedenfalls von jeder ntl. Passage eine Vielzahl unterschiedlicher Schriftstücke, so dass das NT als das mit riesigem Abstand am besten überlieferte literarische Werk der Antike gilt.

Bemerkenswert sind in diesem Zusammenhang auch die sogenannten Qumranrollen, die man nach dem Zweiten Weltkrieg fand – Schriftrollen mit alttestamentlichen Texten. Man stellte fest, dass es nur wenig textliche Unterschiede zu den deutlich jüngeren Schriftstücken gab, die man bisher hatte.

Insgesamt kann man festhalten, dass die Bibel außerordentlich gut und sorgfältig überliefert wurde. Weit über 99% des Bibeltextes sind gesichert überliefert und dort wo es doch kleine Unsicherheiten gibt, berühren diese keine inhaltlichen Gesichtspunkte.

5. Wir haben guten Grund der Bibel zu vertrauen

Es ist nicht nur irgendwie von allgemeinem Interesse, darüber Bescheid zu wissen, wie die Bibel entstanden ist. Ich meine, die Entstehungsgeschichte der Bibel zeigt uns auch, dass wir gute Gründe haben der Bibel zu vertrauen. Sie ist nicht von irgendwelchen Klerikern im Mittelalter verfälscht worden – wie manche populären Verschwörungstheoretiker behaupten -, sondern sie wurde extrem sorgfältig überliefert. Die ersten Christen waren auch nicht dumm oder leichtgläubig, sondern haben sorgsam abgewogen, welche Schriften als Heilige Schrift anzuerkennen sind. Und die Inspirationslehre ist auch kein verrücktes Dogma, das die menschliche Seite der Bibel nicht ernst nimmt. Wenn Christen also glauben, dass die Bibel Gottes Wort ist, ist das kein Lehrsatz den sie gegen jede Vernunft blind glauben müssen. Nein, es gibt gute, nachvollziehbare Gründe dafür.

Wenn dich dieses Thema mehr interessiert und du hier noch viel tiefer einsteigen willst (ich habe mehr oder weniger hier nur an der Oberfläche gekratzt), dann sei dir folgendes Buch empfohlen: D. A. Carson / D. J. Moo, Einleitung in das Neue Testament, Brunnen, 2010.

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2 Gedanken zu „Wie ist die Bibel entstanden?

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