Wie wahrscheinlich ist eine Corona-Infektion im Gottesdienst?

Natürlich kann diese Frage niemand mit letzter Sicherheit beantworten. Aber man kann eine rechnerische Annäherung versuchen, um eine Vorstellung davon zu gewinnen, ob die Wahrscheinlichkeit einer Corona-Infektion eher hoch oder eher gering ist. Ich habe mir für unsere Rahmenbedingungen in der EFG Borken ein paar Gedanken gemacht: Im Kreis Borken leben rund 370.000 Menschen. Stand 02.06.20 gelten von dieser Einwohnerzahl 121 Menschen als Corona-infiziert und stehen dementsprechend unter Quarantäne. Da davon auszugehen ist, dass diese Menschen die Quarantänemaßnahmen einhalten (es gibt Kontrollen!), geht von dieser Personengruppe keine Gefahr aus. Wenn wir nun eine Dunkelziffer von 50% annehmen (dies ist m.E. hoch gegriffen, da unser Kreis schon seit geraumer Zeit sehr weitreichend testet und die Dunkelziffer erheblich reduziert haben dürfte) würde dies bedeuten, dass es weitere 121 Menschen gibt, die Corona-infiziert sind. Da diese Menschen nichts von ihrer Infektion wissen, sind sie potenziell geeignet diese weiterzugeben. Wir nehmen ferner an, dass bei 2/3 dieser Menschen, die Corona-Infektion symptomfrei bzw. symptomarm verläuft. (Auch das ist eher hoch gegriffen, da die Mehrzahl zumindest geringe Symptome hat und die Menschen durch die Berichterstattung auch für diese sensibel geworden sind). Diese Menschen erleben sich also als gesund und ziehen sich dementsprechend nicht aus dem öffentlichen Leben zurück. Dies hieße, dass es im Kreis Borken aktuell 81 Personen gibt, die ihre Corona-Infektion weitergeben könnten.

Wie wahrscheinlich ist es nun, dass sich unter den 36 Besuchern, die maximal zu unseren Gottesdiensten zugelassen sind, eine oder mehrere Personen befinden, die zu diesen 81 unwissentlich und symptomfrei Corona-infizierten Personen gehören? Die Wahrscheinlichkeit beträgt lediglich 0,79%. Bisher haben maximal 25 Personen unsere Gottesdienste besucht. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich in diesem noch kleineren Personenkreis eine oder mehrere unwissentlich Corona-infizierte Person/en befanden, liegt sogar nur bei 0,55%. Nimmt man nun an, dass wir 180 Personen zu einem Gottesdienst versammeln könnten – so wie es die in die Schlagzeilen geratene Baptistengemeinde in Frankfurt tat – wäre die Wahrscheinlichkeit 3,87%. Das ist zwar immer noch recht gering, aber doch bedeutend höher. Entsprechend würde die Wahrscheinlichkeit bei einer Versammlung von 500 oder gar 1000 Personen auf 10,37% bzw. 19,67% steigen. Man sieht also, dass allein durch die deutliche Beschränkung der Besucherzahl das Risiko, auf unwissentlich und symptomfrei Corona-infizierte Personen zu treffen, drastisch sinkt!

Zurück zu der für unsere Gottesdienste mit 36 Personen ermittelte Wahrscheinlichkeit von 0,79%. Man beachte, dass dies nicht die Wahrscheinlichkeit für eine Corona-Infektion im Gottesdienst ist! Es ist lediglich die Wahrscheinlichkeit, dass am Gottesdienst eine oder mehre unwissentlich Corona-infizierte Person/en zu teilnehmen. Für den schon sehr unwahrscheinlichen Fall, dass dies tatsächlich eintritt, gibt es dann ja noch die Vorsichtsmaßnahmen unseres Schutzkonzeptes, wie z.B. das Abstandsgebot, die das Risiko einer Corona-Infektion im Gottesdienst nochmals deutlich reduzieren dürften. Fazit: Es ist zum aktuellen Zeitpunkt extrem unwahrscheinlich, dass es in einem unserer Gottesdienste zu einer Corona-Infektion kommt. Selbstverständlich kann eine Infektion – wie jedes andere Lebensrisiko auch – nicht vollständig ausgeschlossen werden. Absolute Gewissheiten gibt es eben nur bei unserem Herrn Jesus Christus! Wer sich auf ihn verlässt, der kann in jeder Lebenslage mit dem Apostel Paulus bekennen: Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, 39 weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“ (Röm 8,38-39).

Über das Gottesdienstverbot in NRW

Die Landesregierung Nordrhein-Westfalens wird nicht müde zu betonen, dass sie zu keinem Zeitpunkt Gottesdienste verboten habe (z.B. hier). Das stimmt so leider nicht! Wahr ist, dass man sich zwar mit Vertretern der großen Kirchen und einiger anderer Religionsgemeinschaften beraten hat und diese sich zur vorübergehenden Aussetzung ihrer Veranstaltungen selbstverpflichtet haben. Tatsache ist allerdings auch, dass z.B. die Freikirchen in diese Beratungen nicht einbezogen wurden und keine entsprechenden Selbstverpflichtungen abgegeben haben. Freikirchliche Veranstaltungen wurden dann allerdings durch das allgemeine Veranstaltungsverbot mit untersagt. Fazit: Wer sich nicht zur Aussetzung selbstverpflichtet hat, dem wurden seine Veranstaltungen verboten. Insgesamt nicht mehr als eine durchsichtige PR-Nummer Laschets.

Ich möchte allerdings auch erwähnen, dass Nordrhein-Westfalen „Versammlungen zur Religionsausübung“ ab dem 1. Mai wieder gestattet. Positiv ist, dass wir an dieser Stelle eine relativ liberale Regelung haben, die die nötigen „Beschränkungen zur Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln“ den Kirchen selbst überlässt. Gleichwohl sind das schon verrückte Zeiten, in denen wir uns schon über solche Mini-Erfolge freuen müssen, obwohl doch die uneingeschränkte Religionsausübung ein grundgesetzlich garantiertes Recht ist!

Gottesdienstverbot unverzüglich aufheben

Unsere Regierungen in Deutschland halten in der aktuellen Situation zwar eine weitgehende Öffnung des Einzelhandels für verantwortbar, verwehren aber andererseits Kirchen und anderen Religionsgemeinschaften pauschal jegliche Zusammenkünfte – auch mit entsprechenden Schutzmaßnahmen. Damit bin ich nicht einverstanden! Aus diesem Grund habe ich mich heute schriftlich an insgesamt sieben Abgeordnete gewandt, die meine Stadt auf Landes- bzw. Bundesebene vertreten. Was ich ihnen geschrieben habe, will ich auch hier veröffentlichen:

Sehr geehrter Herr …,

mit Enttäuschung und Unverständnis habe ich die Entscheidungen der Videokonferenz der Ministerpräsidenten der deutschen Länder mit Bundeskanzlerin Merkel vom 15.04.20, sowie die daraus folgende Verordnung des Landes Nordrhein-Westfalen vom 16.04.20 zur Kenntnis genommen. Während man Lockerungen in weiten Teilen des Einzelhandels für verantwortbar hält, dürfen in Kirchengemeinden weiterhin keine Veranstaltungen stattfinden. Das ist unlogisch und nicht verhältnismäßig. Es erschließt sich nicht, warum es möglich sein soll den Einzelhandel – unter Beachtung von geeigneten Schutzmaßnahmen – zu öffnen, Kirchen jedoch nicht. Es drängt sich hier leider der Eindruck auf, dass den Regierenden die Interessen der steuerzahlenden Wirtschaft wichtiger sind, als die verfassungsrechtlich verbrieften Rechte der Religionsgemeinschaften.

Für mich als Pastor einer kleinen evangelischen Freikirche im Münsterland ist dieser Eindruck umso bitterer, da wir als Kirchengemeinden die Mitte März eingeführten Schutzmaßnahmen konsequent mitgetragen haben. Wir haben mit der Umsetzung nicht gezögert, obwohl das für uns den schmerzhaften Verzicht auf gemeinschaftliche Gottesdienste an den höchsten christlichen Feiertagen – Karfreitag und Ostern – bedeutete. Viele Christen haben zudem in ihrem Verantwortungsbewusstsein für den Nächsten, die erlassenen Regelungen auch im privaten Leben äußerst gewissenhaft umgesetzt.

Ich appelliere an Sie: Setzen Sie sich dafür ein, dass das Verbot von Gottesdiensten, Bibelstunden, Gebetskreisen und anderen religiösen Veranstaltungen unverzüglich aufgehoben wird und dass dem Grundrecht auf ungestörte Religionsausübung (GG Art. 4,2) endlich wieder uneingeschränkte Geltung verschafft wird! Online-Gottesdienste und ähnliche Angebote sind für uns jedenfalls nicht mehr als ein Notbehelf. Dementsprechend heißt es in der Hl. Schrift, der Grundlage des christlichen Glaubens: Die nun sein Wort annahmen, ließen sich taufen; und an diesem Tage wurden hinzugefügt etwa dreitausend Menschen. 42 Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet. 46 Und sie waren täglich einmütig beieinander im Tempel und brachen das Brot hier und dort in den Häusern, hielten die Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen“ (Apostelgeschichte 2,41-42.46)

Mit freundlichen Grüßen

Wolfram Wobig

Wer mag, darf sich gerne von meinen Gedanken inspirieren lassen und sich ebenso an Entscheidungsträger in unserem Land wenden.

Warum ich fortlaufende Bibeltexte predige III

Hier und hier habe ich bereits zwei Gründe genannt, warum ich vorwiegend fortlaufend ganze Bibelbücher oder größere Bibelabschnitte predige. Einerseits, damit nicht nur populäre Lieblingsstellen zur Sprache kommen, sondern der ganze Ratschluss Gottes (vgl. Apg 20,27) gepredigt wird. Anderseits auch, weil fortlaufendes Predigen es besonders gut ermöglicht, die großen Linien in der Schrift zu verstehen. Insofern entspricht fortlaufendes Predigen dem Charakter der Schrift.

Gottesdienstbesuch sollte jeden Sonntag sein

Ein weiterer Grund, warum ich das fortlaufende Predigen (man nennt das lectio continua) bevorzuge, besteht in seinem pädagogischen Wert. Denn es erinnert die Gemeinde kontinuierlich daran, dass Gottesdienstbesuch grundsätzlich in jeder Woche sein sollte. Wer einen Sonntag nicht da ist, hat eben etwas verpasst (das gilt natürlich immer). Aber wenn in einer Gemeinde das fortlaufende Predigen üblich ist, wird es demjenigen eher bewusst werden („Huch, wir sind schon bei 1Mose 30 – vor 14 Tagen waren wir doch noch in Kapitel 28…“). Ich bin natürlich nicht so naiv zu glauben, allein durch dieses Vorgehen, jeden zum treuen Gottesdienstbesuch ermuntern zu können. Dennoch ist fortlaufendes Predigen ein stete Erinnerung daran, dass der wöchentliche Gottesdienstbesuch die Regel sein sollte. Eine Erinnerung, die wir in unserer Multioptionsgesellschaft mit ihren vielen Wahlmöglichkeiten auch am Sonntag morgen gut gebrauchen können.

Wer die ganze Predigtreihe hört, hat größeren Gewinn

Noch ein kurzer Aspekt: Dass bei fortlaufendem Predigen, die einzelnen Predigten aufeinaner aufbauen, entbindet den Prediger selbstverständlich nicht von der Verantwortung, jede einzelne Predigt so auszuarbeiten, dass sie in sich verständlich und stimmig ist. Nichtsdestotrotz wird derjenige, der alle Teile aufmerksam hört, größeren Gewinn haben, als derjenige, der nur einzelne Predigten hört. (Genau so ist es ja auch bei guten Filmreihen.) Auch das erhöht die Motivation, möglichst jeden Sonntag in den Gottesdienst zu gehen.

Was ist Gottesdienst?

Was ist eigentlich Gottesdienst?

Ein fester Termin Sonntag morgens? Wenn wir Gott dienen? Wenn wir Gottes Wort hören und Lobpreislieder singen? Einfach die christliche Veranstaltung schlechthin? Oder wie würdest du Gottesdienst definieren bzw. was macht einen Gottesdienst aus deiner Sicht aus?

1544 wurde die erste evangelische Kirche eingeweiht, die auch als evangelische Kirche gebaut wurde, nämlich die Schlosskapelle in Torgau. Martin Luther predigte zu diesem Anlass, und erklärte in später berühmt gewordenen Worten, als was er Gottesdienst versteht. Er sagte:

Meine lieben Freunde, wir wollen jetzt dieses neue Haus einsegnen und unserem Herrn Jesus Christus weihen. Das gebührt nicht mir allein, sondern ihr sollt auch zugleich mit angreifen, auf dass dieses neue Haus dahin gerichtet werde, dass nichts anderes darin geschehe, als dass unser lieber Herr selbst mit uns rede durch sein heiliges Wort und wir umgekehrt mit ihm reden durch unser Gebet und Lobgesang

Luther versteht Gottesdienst also als Kommunikation, als ein Wechselspiel zwischen Gott und Mensch. Gott spricht durch sein heiliges Wort. Wir reagieren und antworten darauf. Deshalb ist in evangelischen Gottesdiensten (hoffentlich) bis heute einerseits die Bibel zentral (und deshalb ist gerade die Predigt Mitte des Gottesdiensted und nimmt alleine schon zeitlich einen großen Raum ein). Andererseits gilt es auch Raum zu schaffen, dass wir in Gebet und geeigneten Liedern auf das Gehörte antworten.