Geistliche Leere und Gebet

„Die erste Lektion in der Schule des Gebets ist die Erkenntnis unserer geistlichen Leere und diese Lektion ist ein Muss. Wir sind es so gewohnt, leer zu sein, dass wir diese Leere gar nicht merken – bis wir versuchen zu beten.“

Timothy Keller, Beten: Dem heiligen Gott nahekommen, Gießen: Brunnen, 2016, S. 32f.

Was man nicht trennen sollte

„Wir müssen uns nicht zwischen einem geistlichen Leben der Wahrheit und der rechten Lehre und einem der Kraft des Heiligen Geistes entscheiden, sondern beides gehört zusammen. Meine Aufgabe war es nicht, meine Theologenstube zu verlassen und endlich jemand zu werden, der Erlebnisse mit Gott hatte, sondern den Heiligen Geist zu bitten, mir zu helfen, meine Theologie zu erleben.“

Timothy Keller, Beten: Dem heiligen Gott nahekommen, Gießen: Brunnen, 2016, S. 24

Wir müssen beten

„Stell dir vor, dein Arzt macht dir klar, dass du eine Krankheit hast, die so gefährlich ist, dass du nur noch ein paar Stunden zu leben hast, wenn du nicht ein ganz bestimmtes Medikament einnimmst – eine Tablette jeden Abend vor dem Einschlafen. Wenn du sie auch nur ein Mal vergisst, bist du ein toter Mann. Wirst du sie vergessen? Wirst du manchmal sagen. „Nein, nicht heute, heute Abend hab ich keinen Bock“? Nein, du würdest sie kein einziges Mal vergessen, weil du weißt, wie wichtig sie ist. Wenn wir nicht jeden Abend gemeinsam vor Gott treten, schaffen wir’s nicht, mit all unseren Problemen. (…) Wir müssen beten, wir können es uns nicht erlauben, es zu vergessen.“

Timothy Keller, Beten: Dem heiligen Gott nahekommen, Gießen: Brunnen, 2016, S. 17

Psalm 22 – Jesu Leidenspsalm?

Ich sitze zur Zeit an meiner Karfreitagspredigt über Psalm 22, der gemeinhin als Psalm des Gekreuzigten bzw. Jesu Leidenspsalm gilt. Nicht zuletzt, weil Jesus selbst aus diesem Psalm am Kreuz zitierte und auch die Evangelisten an mehreren Stellen auf diesen Psalm Bezug nahmen. Ursprünglich ist dieser Psalm allerdings ein davidischer Psalm. In welchem Verhältnis steht nun die ursprüngliche Situation anlässlich der David diesen Psalm dichtete und die Passion Jesu? Dürfen wir überhaupt Jesu Leidensgeschichte von diesem Psalm her deuten?

Franz Delitzsch erklärt:

„Daß David, der von Samuel gesalbte, ehe er zum Throne gelangte, einen Leidensweg zu gehen hatte, der dem Leidenswege Jesu, des von Johannes getauften Davidssohnes, gleicht, und daß dieses typische Leiden Davids für uns in den Ps. wie in Spiegelbildern fixiert ist, das ist eine Veranstaltung göttlicher Mach und Gnade und Weisheit. Aber Ps. 22 ist doch  nicht bloß ein typischer. Denn in dem Wesen des Typus liegt der Abstand vom Antitypus. In Ps. 22 aber steigt David mit seinen Klagen in eine Tiefe hinab, die jenseits der Tiefe seines Leidens liegt, und steigt mit seinen Hoffnungen in eine Höhe hinau, die jenseits der Höhe seines Leidenslohnes liegt. Mit anderen Worten: die Redefigur der Hyperbel, ohne welche die poetische Diktion in den Augen des Semiten matt und fahl wäre, steht hier im Dienste des Geistes Gottes. Das hyperbolische Element wird dadurch zum prophetischen. Diese Steigerung des Typischen zum Prophetischen ist auch psychologisch nicht so unbegreiflich (…). Seit David mit dem Öle der Königsweihe und zugleich mit dem h. Geiste, dem Amtsgeiste des Königtums der Verheißung, gesalbt ist, sieht er sich selbst als Messias Gottes an, auf welchen die Verheißungen zielen, und vermöge dieser Selbstanschauung im Lichte des höchsten heilsgeschichtlichen Berufs idealisiert sich ihm die historische Wirklichkeit seiner Erlebnisse, und sowohl was er erlebt als was er erhofft gewinnt dadurch eine in die Geschichte des schließlich und wahrhaftigen Christus Gottes hinausreichende Tiefe und Höhe des Hintergrundes. Wir behaupten damit kein Überschwanken von seiner eignen Person zu der des künftigen Christus. Nein, sich selbst als den Christus Gottes ansehend, sieht er sich, wenn wir es erfüllungsgeschichtlich ausdrücken, in Jesu Christo an. Er unterscheides sich nicht von dem Künftigen, sondern sieht in sich selber den Künftigen, dessen Bild erst später sich von ihm ablöst und dessen Geschichte mit dem Überschwenglichen seiner Aussagen sich decken wird. Denn wie Gott der Vater die Geschichte Jesu Christi ratschlußmäßig gestaltet, so gestaltet sein Geist darauf hin auch die Selbstaussagen Davids, des Typus des Künftigen. Durch diesen Geist, welcher der Geist Gottes und des künftigen Christus zugleich ist, hat Davids typische Geschichte, wie er sie in seinem Ps. und bes. diesem aussagt, jene ideale Vertiefung, Verklärung und Potenzierung erhalten, vermöge welcher sie weit über ihren typischen Thatbestand hinausgeht, bis zu dessen ratschlußmäßiger Wurzel durchdringt und zum Worte der Weissagung erwächst, so daß sich gewissermaßen mit Recht sagen läßt, Christus rede hier durch David, inwiefern der Geist Chrisi durch ihn redet und das vorbildliche Leiden seines Ahns zum Darstellungsmittel seines künftigen eignen macht. Ohne Anerkennung dieses unumstößlichen Sachverhalts kann Ps. 22 weder verstanden noch nachempfunden werden.“

In Christus Jesus eine neue Kreatur

„In Christus Jesus, sagt Paulus, gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein, weder Zölibat noch Ehe, weder Speise noch Fasten etwas etc. (…) Diese Dinge sind viel zu gering, ja, die ganze Welt mit all ihren Gesetzen und Gerechtigkeiten ist viel zu nichtig, als daß sie in den Ort der Rechtfertigung gezogen werden dürfte.

Paulus schleißt durch diese beiden, die Beschneidung und das Unbeschnittensein, einfach alles aus, was in der ganzen Natur der Dinge liegt, und bestreitet, daß irgend derartiges in Christus Jesus, d.h. in der Sache des Glaubens und des Heiles irgendwelche Kraft habe. Paulus nimmt dabei nach einer gebräuchlichen Redeweise (Synekdoche) den Teil für das Ganze, d.h. versteht unter Unbeschnittensein die Welt der Heiden und unter Beschneidung das ganze Judentum mit all seinen Kräften und all seinem Ruhm. Pauli Worte haben des Sinn: Was auch die Heiden leisten mögen mit aller ihrer Weisheit, Gerechtigkeit, mit ihren Gesetzen, ihrer Macht, ihren Königreichen, Herrschaften, hat in Jesus Christus keine Kraft. Ferner: Was alle Juden mit ihrem ganzen Mose, mit dem Gesetz, mit der Beschneidung, dem Kultus, dem Tempel, dem Königreich, dem Priestertum sind und vermögen, hat überhaupt keine Kraft. Darum ist in Christus Jesus oder in der Sache der Rechtfertigung nicht zu disputieren von den Gesetzen der Heiden oder der Juden, ob das Zeremonialgesetz oder das Moralgesetz rechtfertige, es ist ganz einfach diese Bestreitung geltend zu machen: ‚In Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas.‘ (…)

Die neue Kreatur, durch die das Bild Gottes erneuert wird, kommt nicht zustande durch äußerliche Schminke oder angenommenen Schein irgendwelcher äußerlicher Werke, denn in Christus vermag weder Beschnittensein noch Unbeschnittensein etwas; die neue Kreatur wird nach dem Bilde Gottes in Gerechtigkeit und durch Heiligung in der Wahrheit geschaffen. Werke, die da geschehen, bringen zwar ein neues Aussehen, dadurch die Welt und das Fleisch gefangengenommen werden, aber sie bringen nicht die neue Kreatur zustande. Das Herz bleibt dabei gottlos wie vorher, voll Verachtung Gottes, voll Unglauben etc. Es ist Sache des Hl. Geistes, die neue Kreatur zu schaffen, er muß einen anderen Verstand und Willen einpflanzen und die Vollmacht geben, das Fleisch zu zähmen und die Gerechtigkeit und Weisheit der Welt zu fliehen etc. Da geht es nicht mit äußerer Schminke und nur mit äußerem Aussehen ab, da geht es um die Sache selbst.“

Martin Luther zu Gal 6,15: Denn in Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern eine neue Kreatur.“

Frei zum Dienen

„Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“

Martin Luther, Von der Freiheit eines Christenmenschen

„Ihr aber, liebe Brüder, seid zur Freiheit berufen. Allein seht zu, daß ihr durch die Freiheit nicht dem Fleisch Raum gebt; sondern durch die Liebe diene einer dem andern.“

Der Apostel Paulus, Galater 5,13

„Wir sehen die gewaltigsten Früchte des Evangeliums…“

„Wir aber, die wir glauben, sehen die gewaltigsten und unzählige Vorteile und Früchte des Evangeliums, wiewohl wir äußerlich zeitweise durch unzählige Übel niedergedrückt werden, Verachtung leiden, ausgeraubt, verlästert und verdammt werden und der Unrat aller sind, in den Tod gegeben und inwendig durch Gewissensangst über der Sünde geängstigt und durch die Dämonen gequält werden. Aber in Christus leben wir, in ihm und durch ihn sind wir Könige und Herren über Sünde, Tod, Fleisch, Welt, Hölle und alle Übel, durch ihn treten wir schließlich mit Füßen jeden Drachen und Basilisken, der der König der Sünde und des Todes ist. Und wie? Im Glauben, denn unser Gut ist noch nicht geoffenbart, wir erwarten es in der Zwischenzeit mit Geduld und dennoch halten wir es im glauben schon fest in den Händen.“

Martin Luther zu Galater 4,29: „Aber wie zu jener Zeit der, der nach dem Fleisch gezeugt war, den verfolgte, der nach dem Geist gezeugt war, so geht es auch jetzt.“

„Wir stützen uns auf das, was außerhalb unser ist…“

„Unser Fundament ist dies: das Evangelium befiehlt uns, nicht unsere Wohltaten und unsere Vollkommenheit anzusehen, sondern den Gott der Verheißung, Jesus Christus, den Mittler. Dagegen befiehlt der Papst, nicht auf den Gott der Verheißung, auf Christus, den Hohepriester, zu schauen, sondern auf unsere Werke und Verdienste. Daraus kommt dann notwendig der Zweifel und die Verzweiflung. Bei unserer Evangeliumsauffassung kommt Gewißheit und Freude des Hl. Geistes, weil ich an Gott hänge, der nicht lügen kann; er sagt nämlich: Sieh, ich geb meinen Sohn in den Tod, daß er dich mit seinem Blut erlöse von den Sünden und vom Tod. Da kann ich nicht zweifeln, wenn ich Gott nicht völlig verleugnen will. Und das ist der Grund, warum unsere Theologie Gewißheit hat: Sie reißt uns von uns selbst weg und stellt uns außerhalb unser, so daß wir uns nicht auf unsere Kräfte, Gewissen, Sinn, Person, auf unsere Werke stützen, sondern auf das, was außerhalb unser ist, nämlich auf die Verheißung und Wahrheit Gottes, der nicht täuschen kann.“

Martin Luther zu Galater 4,6: „Weil ihr nun Kinder seid, hat Gott den Geist seines Sohnes gesandt in unsre Herzen, der da ruft: Abba, lieber Vater!“

Wozu das Gesetz gegeben wurde

„So ist es das wahre Amt und der hauptsächliche und eigentliche Gebrauch des Gesetzes, daß es dem Menschen seine Sünde, Blindheit, Elend, Gottlosigkeit, Unwissenheit, Haß, Gottesverachtung, Tod, Hölle, Gericht und verdienten Gotteszorn offenbar macht. (…) Gott will niedertreten und zermalmen jene Ungeheuer und jene wütende wilde Tier, nämlich die Meinung, sich Gerechtigkeit verdienen zu können, und da ist er gezwungen auf dem Berg Sinai ein neues Gesetz mit solchem Aufwand an schrecklicher Herrlichkeit zu geben, daß das ganze Volk vor Schrecken niedergeworfen worden ist. Weil die menschliche Vernunft in ihrer Einbildung eigener Gerechtigkeit übermütig wird und sich mit ihrer eigenen Gerechtigkeit bei Gott einen Platz einbildet, muß Gott einen schicken, der ein Herkules ist, das Gesetz also, das gegen das Ungeheuer menschlicher Einbildung anstürmt, es niederwirft und erledigt. Daher hat es das Gesetz auf diese Bestie allein abgesehen, auf nichts anderes. (…) Solange die Einbildung eigener Gerechtigkeit im Menschen bleibt, bleibt auch bestehen unbegreiflicher Hochmut, Anmaßung, Sicherheit, Gotteshaß, Verachtung der Gnade und des Erbarmens, Unwissenheit der Verheißungen und Christi. Und in ein solches eigengerechtes Herz dringt keine Predigt von der geschenkten Gnade und von der Sündenvergebung; der gewaltige Fels, die eisenharte Mauer der menschlichen Eigengerechtigkeit, mit der das Menschenherz gegürtet ist, hinderts. Wenn das Gesetz anklagt und das Gewissen erschreckt: das hättest du tun sollen und hast es nicht getan, darum bist du schuldig des Zornes Gottes und des ewigen Todes!, dann ist es in seinem eigentlichen Werk und Amt. Da wird das Herz bis zur Verzweiflung gebracht. Daher ist das Gesetz der Hammer, der Felsen zerschmeißt, das Feuer und jenes große und starke Beben, das die Berge umstürzt.“

Martin Luther zu Galater 3,19: „Was soll nun das Gesetz? Es wurde der Übertretungen wegen hinzugefügt – bis der Nachkomme käme, dem die Verheißung galt -, angeordnet durch Engel in der Hand eines Mittlers.“