Prüfsteine des Gebets

Timothy Keller stellt in seinem Buch über das Beten einige „Prüfsteine“ vor, „mit denen wir testen können, inwieweit unsere Gebete Gott ehren und uns in seine Nähe bringen.“ (134). Hier die wichtigsten Aussagen:

Was Beten ist

„Beim Beten ist Beharrlichkeit angesagt. Paulus bittet die Christen in Rom, „dass ihr mir kämpfen helft durch eure Gebete für mich zu Gott“ (Röm 15,30). Beten ist eine Arbeit, die wir tun, egal, wie gut oder schlecht wir uns gerade fühlen.“ (135)

Was Beten erfordert

„Unser Beten muss in dem klaren, dankbaren Wissen darum erfolgen, dass unser Zugang zu Gott, dem Vater, ein reines Gnadengeschenk ist, das Jesus, der wahre Sohn Gottes, uns durch sein Opfer am Kreuz erkauft hat und das der Heilige Geist in uns lebendig macht, indem er uns die innere Gewissheit schenkt, dass wir Gottes Kinder sind.“ (138)

 Was Beten uns gibt

„Wir wird all das, was wir glauben und was Christus uns erworben hat, zu der großen Kraft in unserem Leben? Durch das Gebet! Das Gebet ist das Mittel, durch das Gottes Wahrheit in unserem Herzen Wurzel fasst und neue Instinkte, Reflexe und Neigungen schafft.“ (146)

 Wohin Beten uns führt

„Beten erfordert nicht nur das Bekenntnis konkreter Sünden und Fehlhandlungen, sondern auch das Offenlegen der inneren Einstellungen, Sichtweisen und Begierden, die hinter unseren kleinen und großen Sünden liegen. Tatsache ist: Je mehr wir uns der höchsten Schönheit, Weisheit und Reinheit nähern, umso mehr werden wir uns unserer eigenen Hässlichkeit, Trägheit und Unreinheit bewusst. (…) Wer Gott besser kennenlernen will, kommt nicht daran vorbei, sich selbst besser kennenzulernen. Und auch das Umgekehrte gilt: Wenn ich die Augen vor meiner Schwachheit und Sünde verschließe, kann ich auch die Größe und Herrlichkeit Gottes nicht sehen.“ (148f)

Timothy Keller, Beten: Dem heiligen Gott nahekommen, Gießen: Brunnen, 2016.

Jesus wandelt auf dem Wasser

„Und er sah, daß sie sich abplagten beim Rudern, denn der Wind stand ihnen entgegen. Um die vierte Nachtwache kam er zu ihnen und ging auf dem See und wollte an ihnen vorübergehen.“ (Mk 6,48)

Hans Bayer schreibt in seinem Kommentar zu diesem Vers:

„Warum vermittelt Jesus den Anschein, an ihnen vorbeigehen zu wollen, wenn er doch (schon seit geraumer Zeit?) ihre Not sieht? Nach V. 48a beabsichtigt Jesus zumindest, seinen Jüngern in ihrer Not entgegenzugehen. Die Formulierung „er will an ihnen vorbeigehen“ kann wohl nicht im Sinn von Lk 24,28 („er tat, als ob er weitergehen wollte“) verstanden werden. Vielmehr ist sie im Sinne einer alttestamentlichen Theophanie zu fassen (Ex 33,19 oder Ex 33,22): er erweckte den Anschein, an ihnen vorbeizugehen. Die markinische Formulierung besagt, dass Jesus seinen Jüngern so „erscheint“, wie Gott dem Mose. Dies wird durch die göttliche Beschwichtigungsaussage in V. 50 (nur Mut, ich bin es; hört auf, euch zu fürchten) bestärkt. Unabhängig davon, ob „ego eimi“ hierbei als christologische Hoheitsaussage (vgl. Ex 3,14) zu verstehen ist oder nicht, vermittel das Verhalten und Rede Jesu eindeutig göttlichen Hoheitsanspruch (vgl. Hiob 9,8).“

Hans F. Bayer, Das Evangelium des Markus, Historisch-Theologische Auslegung, Witten: R. Brockhaus, 2008, S. 264.

Das Gebet aller Gebete

Tim Keller schreibt in seinem Buch über das Beten über das Vaterunser (Mt 6,9-13):

Unser Vater im Himmel! Geheiligt werde dein Name

„Wir bitten also im Vaterunser Gott darum, uns davor zu bewahren, seinem Namen, nach dem wir genannt sind, Unehre zu machen, und uns die Kraft zu geben, selber gut und heilig zu werden. (…) Es ist die Bitte, dass der Glaube an Gott sich in der ganzen Welt verbreiten möge, dass die Christus durch ihre Christusähnlichkeit ihres Lebens Gott Ehre machen mögen und dass immer mehr Menschen Gott ehren und seinen Namen anrufen mögen.“ (122)

 Dein Reich komme

„Wir bitten Gott darum, so vollständig über uns zu herrschen, dass wir ihm von ganzem Herzen und mit Freuden gehorchen wollen.“ (123)

 Dein Wille geschehe

„Gib uns Gnade, dass wir allerlei Krankheit, Armut, Schmach, Leiden und Widerwärtigkeit willig tragen und erkennen, dass dasselbe dein göttlicher Wille sei: unsern Willen zu kreuzigen. (nach Luther) … Nur dann, wenn wir Gott als unserem Vater vertrauen, können wir ihn um die Kraft bitten, unsere Nöte geduldig zu ertragen.“ (124)

Unser tägliches Brot gibt uns heute

„Wir sagen Gott, was wir brauchen, und erwarten, dass er es uns gibt, aber wir tun dies als Menschen, die in ihm zur Ruhe und zum Vertrauen gefunden und ein anderes Herz bekommen haben.“ (126)

 Und vergibt uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern

„Wenn das regelmäßige Bekennen unserer Schuld vor Gott uns nicht mehr Zuversicht und Freude in unserem Leben gibt, dann haben wir die Erlösung durch Gnade und damit den Kern des christlichen Glaubens (noch) nicht verstanden. Jesus knüpft ein enges Band zwischen unserer Beziehung zu Gott und unserer Beziehung zu unseren Mitmenschen. Wer nicht seine eigene Sünde erkannt und Gott ohne Wenn und Aber um Vergebung gebeten hat, der ist unfähig, den Menschen, die ihm etwas Böses getan haben, zu vergeben und ihr Betes zu suchen.“ (127f)

Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen

In Versuchung geraten heißt, „vor der Möglichkeit der Sünde stehen und mit dem Gedanken spielen, ihr nachzugeben.“ (128)

„Sowohl Wohlstand als auch Leid können uns zur Versuchung werden. Beide können uns, jeweils auf ihre Art, das Gottvertrauen wegnehmen und uns nur noch um uns selber und unsere Begierden drehen lassen.“ (129)

Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit

„Nach unseren Nöten, Problemen und Grenzen kehren wir wieder zurück zu der Wahrheit, dass Gott allein genügt und im Regiment sitzt. Dass nichts und niemand unserem himmlischen Vater sein Reich, seine Macht und seine Herrlichkeit wegnehmen kann, gibt uns die unverbrüchliche und sichere Ruhe unseres Glaubens.“ (130)

 „Das Vaterunser muss all unseren Gebeten seinen Stempel aufdrücken und sie durch und durch prägen, und wie könnte man das besser erreichen als durch Luthers Übung, zwei Mal täglich das Vaterunser mit eigenen Worten nachzubeten, um anschließend zum freien Lob- und Bittgebet überzugehen?“ (130)

Timothy Keller, Beten: Dem heiligen Gott nahekommen, Gießen: Brunnen, 2016.

Von Calvin beten lernen

Tim Keller nimmt in seinem fantastischen Buch über das Gebet auch in den Blick, was der Reformator Calvin über das Gebet in seiner Institutio geschrieben hat. Keller fasst Calvins „Gebetsregeln“ wie folgt zusammen:

  1. Ehrfurcht vor Gott, d.h. sich vergegenwärtigen, was für etwas Großes und Ernstes Gebet ist: „Wer dagegen an das Evangelium glaubt – also davon überzeugt ist, eine Gnade empfangen zu haben, die ebenso unverdient wie unerschütterlich ist – hat eine immer größere Freude und Liebe, die sich in einer immer stärkeren Ehrfurcht äußert. Weil wir eine unaussprechlich tiefe Liebe zu Gott verspüren, zittern wir, wenn wir daran denken, dass wir das Vorrecht haben, vor ihn treten zu dürfen, und wollen ihm um nichts in der Welt Unehre machen.“ (110)

  2. Der eigenen Unzulänglichkeit bewusst sein: „Wir müssen uns mit rücksichtsloser Ehrlichkeit unseren Fehlern und Schwächen, unseren Zweifeln und Ängsten und unserer innerer Lehre stellen.“ (111)

  3. Gott in demütigem Vertrauen gegenübertreten

  4. Mit zuversichtlicher Hoffnung beten

  5. Gnade: „Absolut nichts, was wir sagen oder tun, kann uns die Tür zu Gott öffnen. Das kann nur die Gnade – Gottes Gnade, die nicht auf unserer Leistung beruht, sondern auf dem Erlösungswerk Christi.“ (115)

Timothy Keller, Beten: Dem heiligen Gott nahekommen, Gießen: Brunnen, 2016.

Von Augustinus beten lernen

Tim Keller fasst in seinem fantastischen Buch über das Gebet einen Brief des Kirchenvaters Augustinus über das Beten zusammen:

  1. Wer beten will, muss zunächst einmal eine bestimmte Art Mensch werden: „Solange uns nicht wenigstens bewusst wird, wie schief unser Herz liegt und wie sehr dies unser ganzes Leben prägt, werden unsere Gebete ein Teil unseres Problems sein und nicht seine Lösung.“ (96)

  2. Bete um Glückseligkeit, wie Ps 27,4 es zeigt: Eines bitte ich vom HERRN, das hätte ich gerne: daß ich im Hause des HERRN bleiben könne mein Leben lang, zu schauen die schönen Gottesdienste des HERRN und seinen Tempel zu betrachten.“
    Worum geht es hier? „‚Gott also lieben wir um seiner selbst willen, uns und den Nächsten aber um seinetwillen.‘ Was, wie er [Augustinus] hinzufügt, nicht bedeutet, dass wir um nichts anderes beten sollten als darum, Gott zu erkennen, zu lieben und zu gefallen. (…) Doch wenn wir Gott über alles andere liebeb und es unser höchstes Glück ist, ihn zu kennen und ihm zu gefallen, verändert das die ARt, wie wir um ein glückliches Leben beten.“ (97)

  3. Das Vaterunser als Gebetsschule nehmen, das mir zeigt, wie ich konkret beten lernen kann.

  4. Bitte ehrlich, aber ergib dich auch dem Willen des Vaters – gerade in dunklen Zeiten

Timothy Keller, Beten: Dem heiligen Gott nahekommen, Gießen: Brunnen, 2016.

Gott durch Christus begegnen

„Weil Gott in Jesus Mensch wurde, ist er nicht nur der Gott auf der anderen Seite des Abgrunds, er ist auch die Brücke über den Abgrund. Damit ist er zum Mittler eines neuen Bundes mit Gott geworden – eines Bundes, der unzerbrechlich ist, da er nicht in unserer Treue gründet, sondern in seiner (Hebr 9,14-16).“ (85f)

„Ich habe Gott erst dann wirklich als meinen Erlöser erkannt, wenn ich mich danach sehne, ihn kennenzulernen und ihm zu dienen.“ (89)

„Das biblische Gebet geschieht auf der Basis der unverdienten Gnade und Erlösung Gottes und seiner beständigen, ewigen Vaterliebe. Wenn Gott unser himmlischer Vater ist, braucht es keine Magie oder Opfer mehr.“ (90)

Timothy Keller, Beten: Dem heiligen Gott nahekommen, Gießen: Brunnen, 2016.

Wie wir Gott begegnen

„Durch Christus haben wir die engste und festeste Beziehung zu dem Gott des Universums, die überhaupt möglich ist.“ (80)

„Der Heilige Geist gibt den Gläubigen vielmehr eine existenziell, innere Gewissheit, dass ihre Beziehung zu Gott nicht mehr von ihrer Leistung abhängt, wie etwa in der Beziehung zwischen einem Arbeitnehmer und seinem Vorgesetzten, sondern von Gottes Vaterliebe. Der Heilige Geist nimmt eine theologische Wahrheit und verwandelt sie in eine tiefe innere Zuversicht und Freude. Wir dürfen wissen, dass Gott auf unser Rufen mit der intensiven Liebe und Fürsorge eines Vater antwortet, der den Schmerzensschrei seines Kindes hört – weil wir ihn Jesus sind, dem wahren Gottessohn. Wir dürfen mit der Gewissheit vor Gott treten, dass wir von ihm diese Art der Liebe und Zuwendung erhalten werden. Anders ausgedrückt: Der Heilige Geist gibt uns einen zuversichtlichen Glauben, der wir von alleine zum Gebet wird.“ (81)

Timothy Keller, Beten: Dem heiligen Gott nahekommen, Gießen: Brunnen, 2016.

Mit Gott reden

„‘Wir sind Empfänger von Sprache. Sprechen lernen kann nur der, mit dem gesprochen wird. Unsere Geburt wirft uns in ein Meer der Sprache hinein (…) Und dann, langsam, Silbe um Silbe, erlangen wir die Fähigkeit, zu antworten: Mama, Papa, Trinken, Decke, ja, nein. Kein einziges dieser Worte war ein erstes Wort (…). Alles Reden ist antwortendes Reden. Wir alle wurden, bevor wir sprachen, erst angesprochen.‘ (…) Es ist daher für unser Beten unverzichtbar, dass wir das erkennen, was Peterson das ‚überwältigende Vorangehen des Redens Gottes vor unseren Gebeten‘ nennt. Dieses theologische Prinzip hat sehr praktische Konsequenzen. Es bedeutet nämlich, dass unsere Gebete aus unserer Beschäftigung mit der Bibel folgen sollten.“ (64f)

„Diese Verbindung von Bibel und Gebet ist der Anker, der mein Leben in dem realen Gott gründen lässt.“ (66)

Timothy Keller, Beten: Dem heiligen Gott nahekommen, Gießen: Brunnen, 2016.

Was ist Beten?

„Wir können das Gebet somit als eine persönliche, kommunikative Reaktion auf unser Wissen um Gott definieren. (…) Doch die Definition des Gebets als Reaktion auf unser Wissen um Gott bedeutet, dass der Umfang und die Genauigkeit dieses Wissens einen tiefen Einfluss auf unser Beten haben.“ (54f)

„In der Bibel, Gottes lebendigem Wort, hören wir Gott zu uns reden, und wir reagieren darauf, indem wir beten.“ (55)

„Die Kraft unserer Gebete liegt also nicht in erster Linie in unserem Wollen und Mühen oder in irgendeiner Gebetstechnik, sondern darin, wie gut wir Gott kennen.“ (58f)

Timothy Keller, Beten: Dem heiligen Gott nahekommen, Gießen: Brunnen, 2016.

Warum Jesus in Nazareth keine Wunder tat

„Und er konnte dort nicht eine einzige Tat tun, außer daß er wenigen Kranken die Hände auflegte und sie heilte.“ (Mk 6,5)

Hans Bayer schreibt in seinem Kommentar zu diesem Vers:

„Jesus wird durch diese ablehnende und verwerfende Haltung „gehindert“, Notleidende zu heilen. Bedarf es des Glaubens (als Bereitschaft Jesu gegenüber) als Anstoß und Grund, um geheilt zu werden? Oder widerspricht es vielmehr dem Charakter und Willen Jesu, dort zu heilen, wo prinzipielle Ablehnung (als Reaktion auf ihn) trotz der Kenntnis seiner Vollmacht herrscht? Mit anderen Worten: Liegt das Ausbleiben der Heilungen primär im (resistenten) Willen der Menschen oder vor allem in der souveränen Grundhaltung Jesu, nur dort zu heilen, wo glaubende Offenheit ihm gegenüber besteht? Beides hängt zusammen; Letzteres ist jedoch ausschlaggebend. Das heißt, Jesus vermochte dort keinerlei Wundertaten zu verrichten, weil er nur dort heilen will, wo ihm zumindestens Offenheit (als Reaktion) entgegengebracht wird, wo der einzelne Mensch zumindest damit rechnet, von Jesus geheilt werden zu können. Jesus setzt sich somit willentlich keineswegs über die abweisende Haltung der Menschen, etwa durch „kalte“ (sprich: magische) Wundertaten hinweg.“

Hans F. Bayer, Das Evangelium des Markus, Historisch-Theologische Auslegung, Witten: R. Brockhaus, 2008, S. 238f.